Was du nicht über mich weisst

„Und das Thema Kinder ist bei euch jetzt komplett von Tisch, oder?!“ Du musterst mich und mein Gesicht, als du mit einer Mischung aus Neugier und Resignation diese Frage formulierst. Sofort ist es still am Tisch, denn immerhin hast du ausgesprochen, was alle brennend interessiert- wann pflanzt sich dieser Teil der Familie endlich fort. Du selbst bist das Paradebeispiel, immerhin hast du das Verhältnis Kinder-Erwachsene in diesem Raum deutlich zu Gunsten der Kinder beeinflusst.

Ich schlucke und versuche möglichst diplomatisch zu Antworten, dass ich mir darüber gerade noch keine Gedanken gemacht habe, ob ich nun Kinder möchte oder nicht. Das Interesse der anderen Anwesenden schwindet und sie haben sich längt wieder ihren Gesprächen zugewandt. Du hebst eine Augenbraue und honorierst meine Antwort mit einem „Ahhhhhh“. Was ich dir nicht sage ist, dass ich gerade seit knapp einer Woche wieder aus dem Krankenhaus zurück bin und es mir in den letzten Monaten so schlecht ging, dass Themen wie Kinder oder Schwangerschaft gar keinen Platz in meinen Gedanken hatten.

Das Thema lässt dich nicht mehr los und nach kurzer Zeit beugst du dich wieder zu mir vor. „Ist es, weil ihr nicht auf irgendwas wie Geld oder Freizeit verzichten wollt?“ fragst du nun und ich meine, dass deine Stimmer anders klingt als zuvor. Ich sehe dich an und weiß nicht, was ich antworten soll, weiß aber auf einmal wieder, warum ich dir nicht erzählt habe, dass ich krank bin. „Ich meine, eigene Kinder geben einem so viel, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen könnte, was wichtiger wäre als das.“ Fährst du fort, weil du ohnehin nicht mit einer Antwort gerechnet hast.

Während du weiter darüber berichtest, wie viel schöner das Leben mit Kindern ist, frage ich mich, wie eine Schwangerschaft und eine Geburt meine Krankheit wohl beeinflussen würden. Da mir aber mein letzter Schub noch sehr lebhaft in Erinnerung ist, fällt meine Prognose nicht so wirklich rosig aus.

Ich antworte dir, dass ich die Frage ja nicht komplett abgehakt habe, sondern es nur momentan nicht der richtige Zeitpunkt für mich ist, mir darüber Gedanken zu machen. Es ist die Wahrheit, nicht einmal eine Ausflucht, aber dir reicht das scheinbar nicht. Kinder, sagst du, sind eine Stütze und sie geben einem so viel zurück. Du fragst ob ich nicht auch manchmal an später denke, wenn ich alt bin. Wie schön es doch wäre dann jemanden um sich zu haben. Und ja, ich denke an später. Ich frage mich, ob ich bis zu meiner regulären Rente arbeiten kann, oder ob ich schon davor Hilfe brauche. Du verlierst das Interesse mit mir über dieses Thema zu sprechen, da ich dir weder richtig Contra gebe, noch mich überzeugen lasse.

Du atmest hörbar aus, schaust mich noch kurz an und wendest dich dann deinem Sitznachbarn zu. Mit ihm kannst du dich besser unterhalten als mit mir. Wenig später höre ich dich in einem anderen Gespräch nochmals über Kinder sprechen und dass du nicht verstehst, wie jemand freiwillig auf so eine tolle Erfahrung verzichtet, nur weil er sich nicht einschränken möchte.

Was für dich nur ein kurzes unbefriedigendes Gespräch war, hat mich mit einem Gedankenwirrwar zurück gelassen, dass ich kaum geordnet bekomme. Während du es dir nicht vorstellen kannst, dass eine Schwangerschaft etwas anderes sein kann als ein kleines Wunder und die Zeit mit einem Kind ein Geschenk, verstehst du nicht, welche Sorgen und Ängste für mich beim Gedanken an die körperlichen Veränderungen mitschwingen. Es stimmt schon, du weißt nichts von den Problemen mit meiner Gesundheit- du hast vermutlich auch das bisschen, was ich dir darüber erzählt habe, längst vergessen.

Gespräche wie das mit dir führe ich sehr oft seit ich verheiratet bin. In den ersten beiden Jahren war die Frage breiter gefasst. Es ging noch um die Zukunftsplanung der nächsten fünf Jahre. Je näher ich auf die dreißig zugehe, desto drängender und expliziter werden die Fragen nach dem Nachwuchs. Nur hat sich seit meiner Diagnose etwas verändert. Ich wäge nicht mehr ab, ob ich mich einschränken möchte, sondern ob ich bereit bin, das bisschen gesundheitliche Stabilität in die Schale zu werfen und zu hoffen, dass ich mich nach einer Schwangerschaft wieder erhole.

Möchte ich Kinder? Vielleicht. Irgendwann. Ich weiß es ehrlich nicht.

Was ich weiß ist, dass mir der Gedanke momentan schwanger zu werden, ferner ist als vielleicht noch vor zwei Jahren, auch weil inzwischen so viele Sorgen und Ängste mitschwingen. Und ich weiß, dass ich noch mit diesem Kapitel nicht endgültig abschließen will. Aber hört doch endlich auf mich zu bekehren, zu verurteilen oder für das Leben mit Kindern zu begeistern