„Nein, danke. Ich trinke nicht!“

Jeder der diesen Satz schon ĂŒber die Lippen gebracht hat, weiss was ich nun schreiben werde. Alle anderen, dĂŒrfte es nicht ĂŒberraschen, was sie nun gleich lesen werden.

Als Antwort auf so eine Aussage bekommt man als Frau dann eine Gegenfrage: „Bist du schwanger?“ Wenn man das auch noch verneint beginnt meist eine Odyssee und eine regelrechte Überredungsorgie, gepaart mit PlĂ€doyers fĂŒr das Trinken, die jeden Anwalt blass aussehen lassen. Manche Leute argumentieren, als wĂŒrde es um Leben und Tod gehen.

Seit September wieder Barkeeperin

Ich habe nun drei volle Monate nichts getrunken. Gar nichts, nada. Obwohl ich seit September in einer Bar arbeite, fast jedes Wochenende. Da kam es auch oft vor, dass Menschen unglĂ€ubig mit dem Kopf geschĂŒttelt haben, nach dem Grund fragten oder es eben ĂŒberhaupt nicht verstanden, wie ich denn nun so nicht mehr am „leben“ bin.

Aha, ich lebe also mein Leben erst, wenn ich meinen Körper mit Alkohol vergifte. Versteht mich nicht falsch. Ich bin ein totaler Fan von Wein, Champagner und Sekt. Immer noch. Aber ich verzichte in Zukunft auf die RegelmÀssigkeit dieser alkoholischen GetrÀnke in meinem Leben. Weil es mir ohne besser geht, und weil ich finde, dass Alkohol zu sehr in unser aller Leben verankert ist.

Alkohol ist allgegenwÀrtig

GeschÀftsessen, Mittagessen, Abendessen, Weihnachtsessen, Geburt, Taufe, Todesfall, Hochzeit, Partys. Alkohol ist immer mit dabei. Ist man traurig, fröhlich, gibt es was zu feiern, oder zu betrauern, Alkohol ist vorne mit dabei, unser aller treuer Begleiter. Zur Entspannung, bei Anspannung, zum Anstossen auf Erfolge, zum ErtrÀnken von Problemen, Alkohol ist mit uns, bei allen Emotionen, die das Leben so zu bieten hat. Hier einen Cocktail, da ein Glas Wein, es gibt immer einen Grund zu trinken. Alkoholiker möchte aber niemand von uns sein. Weil, mache von uns trinken ja nur dieses eine Feierabendbier, jeden Tag.

Wiederrum andere trinken nur in Gesellschaft, jedes Wochenende. Richtige Alkoholiker, so reden wir es uns ein, nun ja, die trinken jeden Tag, bis zur Besinnungslosigkeit. Wenn wir nun den Alkohol durch Drogen ersetzen wĂŒrden, wĂ€re so ein Verhalten inakzeptabel, man wĂŒrde von Junkies und Sucht sprechen, wĂŒrde man jeden Tag, jeden Abend Drogen konsumieren, um zu entspannen.

WĂŒrde man sich jedes Wochenende zudröhnen, teilweise bis zur Besinnungslosigkeit, wie oft auf dem Oktoberfest oder an Fastnacht, oder gar an Silvester. WĂŒrde man zu allen Mahlzeiten eine Line Koks ziehen, oder einen Joint rauchen, ja das wĂŒrde so gar nicht gehen. Das wĂ€re eindeutig Sucht. Weil diese Stoffe gefĂ€hrlich sind. Bei Alkohol scheint man fĂŒr diese Sucht und seine   negativen Wirkungen blind zu sein. Auch wenn wir wunderbare Menschen um uns haben, die jeden Tag vor unserer Nase trinken, wird oft vergessen, dass auch Alkohol eine Droge ist. Eine der Schlimmsten von allen, weil sie ĂŒberall erhĂ€ltlich ist und dazu noch gesellschaftlich akzeptiert.

„Aber Drogen sind schlimmer als Alkohol!“

Ich bin mit einem alkoholkranken Vater aufgewachsen und kann heute rĂŒckblickend sagen, dass ein kiffender Vater mir lieber gewesen wĂ€re. Kein Kiffer kĂ€me auf die Idee, gewalttĂ€tig zu werden. Gegen niemanden, aber vor allem nicht gegen seine eigenen Kinder oder seine eigene Frau! Die sitzen dann eher verpeilt vor der Glotze, mampfen Pizza und Schokolade. Ihnen ist zwar oft, vieles nach einiger Zeit egal, aber soweit ist ein Alkoholiker auch, nach kĂŒrzester Zeit. Sieht man sich um, in Familien, Clubs, Bars, gibt es Gewalt, ĂŒberall dort wo Alkohol konsumiert wird. Habt ihr von einer SchlĂ€gerei unter Kiffern gehört? Passiert Ă€usserst selten, bis gar nicht. Und auch Alkohol kann zu Psychosen fĂŒhren und verstĂ€rkt Depressionen. Nicht umsonst sind in manchen Antidepressiva Stoffe drin, die unglaublich starke Kopfschmerzen auslösen, wenn man dazu Alkohol trinkt.

Was hat mich nun bewegt nicht mehr zu trinken?

Am Anfang, dachte ich, ich gönne mir und meinem Körper mal einfach eine Pause. Der Sommer war lang und intensiv und durch den Tod meines Vaters geprĂ€gt. Ich hatte einige Tiefen, aber auch ein paar Höhen und ich beschloss, dass sich einiges Ă€ndern muss. Mal gesĂŒnder leben und so, mit allem was dazu gehört.  Ich stelle meine ErnĂ€hrung um und nahm auch Abstand von Zucker und unnötigen Kohlehydraten. Einfach, um zu sehen, was passiert. Nach einem Monat, in dem es mir gar nicht schwerfiel nein zu sagen, verlĂ€ngerte ich die Pause einfach noch um einen Monat. Daraus wurden nun drei.  Ich fand es spannend, wie ich mich verĂ€nderte und meine Sicht auf Alkohol. Und -10 kg waren es weniger auf der Waage. Das ist natĂŒrlich ein Grund zur grossen Freude. Weil es ohne grosse MĂŒhe passierte. Ich bewegte mich einfach mehr,  auch weil mich Facebook nach der Löschung nicht mehr so vereinnahmte, aber dazu ein anders mal. Ich ging weiterhin einmal die Woche zum Schwimmen und was soll ich sagen? Ich fĂŒhle mich prĂ€chtig. Ich habe zwar letztes Weekend wieder getrunken und es war lustig, aber die Person, die jedes Weekend im Ausgang trinkt werde ich nicht mehr, denn ich habe mir vorgenommen, nur noch zu besonderen AnlĂ€ssen zu trinken. Einfach, weil es mir seelisch und körperlich ohne Alkohol besser geht. Es schont nicht nur meine Leber und meine Figur, sondern auch mein Portmonee. Und die Tage danach sind nicht ruiniert durch massive Kater.

Ich spĂŒre mich selber intensiver

In den letzten Monaten habe ich mich genau beobachtet. Wann möchte ich trinken? Was triggert mich zu trinken? Und es waren viele Trigger. Wenn ich etwas feiern wollte, hatte ich Lust auf Champagner. Wenn ich unsicher war im Ausgang, wollte ich mich und dieses Unsicherheit hinter Alkohol verstecken. Wenn ich auf Veranstaltungen gelangweilt war, hatte ich auch Lust zu trinken, wortwörtliches „es mir schön trinken.“

Wenn ich zuhause war und entspannen wollte in der Wanne, hatte ich auch oft das Verlangen nach kĂŒhlem Champagner oder Prosecco. Und ich liebe beides, sehr!  Aber ich gab nicht nach. Und diese Trigger verschwanden. Ich habe neue Methoden fĂŒr mich entdeckt, die mir auch guttun und bei weitem gesĂŒnder sind. Musik hören, Unsicherheiten aussprechen, ein gutes Buch lesen um zu entspannen in der Wanne, gehen, wenn die Veranstaltung öde ist und mich langweilt, stundenlange Kochorgien, raus in die Natur.

Ich werde euch nun aber nicht belehren, wie scheisse Alkohol ist, aber es sollte fĂŒr jeden ein Denkanstoss sein, sein Trinkverhalten zu ĂŒberdenken. Und niemanden mehr ĂŒberreden zu wollen, der einfach keinen Bock hat auf Alkohol. Ein nein bedarf keiner weiteren ErklĂ€rung! Oder wĂŒrde es dir gefallen von jemanden penetrant ĂŒberredet zu werden, oder gar als Weichei beschimpft, weil du kein Koks oder Ketamin ziehen willst? Eben!

 

2 Gedanken zu „„Nein, danke. Ich trinke nicht!““

  1. Willkommen im Club. Ich vermisse Alkohol auch nicht und mach es einfach der Gesundheit willen. Aber auch um die jenigen zu unterstĂŒtzen die unter ihren alkoholkranken Eltern gelitten haben. Ich habe zwar keine Alkoholiker in der Familie, aber im Umfeld habe ich doverse Stories mitbekommen. Da ich auch gerne gegen den Strom schwimme hinterfrage ich diese Alkgeschichte einfach.
    ..

    1. Hi EJ!

      Schön von dir zu hören! Joa, vermissen tue ich es auch nicht wirklich, aber ich freue mich dann umso mehr auf die besonderen AnlÀsse, wo ich bewusst trinke.

      Liebe GrĂŒsse,

      Paula

Mich interessiert deine Sichtweise zum Thema!

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