Ein Abschiedsbrief an eine Mutter

Liebe Mam!

Ich schreibe dir diesen Brief um dich darüber zu informieren, dass ich eine Auszeit von unserer Familie brauche. Und gleichzeitig möchte ich dich bitten C. zu fragen ob er das komplette Grundstück inkl. Omis Haus haben will und mir einfach den Pflichtteil auszahlt. Wenn ja bitte ändere das Testament, wenn nein auch gut, dann verkaufe ich es später. Ich sehe dort für mich keine Zukunft. Vermutlich verstehst du nicht was los ist, deshalb schreibe ich nun noch ein paar Zeilen…

Zwischen uns zwei gibt es so vieles was unausgesprochen ist, ich weiß du spürst die Anspannung genauso wie ich wenn wir uns sehen. Vermutlich hast du auch schon mitbekommen, dass wir beide nur über Belanglosigkeiten wie das Wetter sprechen können, ohne dass wir uns streiten oder die Stimmung extrem gereizt wird. Ich wollte schon so oft mit dir sprechen, dir alles sagen, aber dann warst du krank. Zuerst Burn out wo du dich nicht aufregen solltest und dann Krebs. Ich wollte, dass du gesund wirst und so war mein Plan deine Krankheit auszusitzen, versuchen alles zu ertragen und erst wenn du wieder gesund bist, wollte ich mit dir sprechen. Als nicht klar war, ob du je wieder gesund werden würdest, dachte ich, auch gut, in ein paar Jahren bin ich 700 Kilometer weit weg und die zwei Anstandsbesuche pro Jahr würde ich schon irgendwie schaffen. Fakt ist, ich schaffe es nicht. Jedesmal wenn ich bei euch war, geht es mir schlecht. Im Traum habe ich dieses Gespräch schon oft mit dir geführt und jedesmal bin ich weinend aufgewacht. Ich habe Sodbrennen, Bauchschmerzen, ich zittere. Ich nehme seit 7 Jahren Antidepressiva und das nicht zum lernen wie ich dir erzählt habe. Und auch, dass ich so selten komme weil ich sooooo viel lernen muss, ist nicht ganz richtig. Es war eine willkommene Ausrede um meine Nerven zu schonen.

Du fragst dich bestimmt was mich so aufregt. Ich will nun nicht hunderte Begebenheiten und Verletzungen der letzten 25 Jahre hervorkramen, das hat auch keinen Sinn. Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich eine solchen Text verfasst, ihn dann aber nicht abgeschickt… Heute denke ich die Dinge sind geschehen und aus. Aber im Wesentlichen denke ich, dass eine Mutter das Recht hat, zu wissen warum ihr Kind nicht mehr heim kommt.

Kannst du dich erinnern als wir damals wegen meiner Essstörung bei der Psychologin waren und sie dir bei der dritten Sitzung gesagt hat, dass du im Prinzip alles falsch gemacht hast? Sie hatte recht. Aber du hast bitterlich geweint, ich hatte Mitleid und habe mich nicht getraut ehrlich zu sein. Daraufhin haben wir uns geeinigt, dass die Psychologin sie nicht alle hätte und alles in bester Ordnung sei. Nichts war in Ordnung!
Mama, es hat mich all die Zeit so traurig gemacht, dass du C. immer bevorzugt hast und es noch heute tust. Ich musste Miete zahlen, er geht für sein Taschengeld arbeiten. Als ich nach dem Beziehungsende mit W. das große Zimmer im Obergeschoss haben wollte oder alternativ den Keller, war kein Platz für mich. Kurz später hat C. genau in diesem Zimmer sein Wohnzimmer eingerichtet. Als wir Kinder waren, war immer ich an allem schuld. Natürlich hat er oft gelogen und ich wurde so viele Male unschuldig bestraft. Erinnerst du dich an die Lüge von C. er sei krank nur weil er mir den Skiurlaub verderben wollte und mein Stiefvater H. das unter wildem Streit mit dir dann aufklären konnte? Deshalb habe ich auch so ein gutes Verhältnis zu H. Er hat das damals alles gecheckt und zumindest ein paar Ungerechtigkeiten mir gegenüber beendet. Du wolltest mir nicht glauben und dein Burli lügt ja nicht…. Ich werfe das alles C. in keinster Weise vor, welches Kind hätte so etwas nicht ausgenutzt…
Mit S. ist es ähnlich. Ich durfte nicht einmal ein einziges Jahr Lehrstelle in dem Beruf suchen, den ich mir wünschte. Für die Maskenbildnerschule war angeblich kein Geld da. Warum konnten wir nicht das Sparbuch das ich später mit 18 bekommen habe dafür verwenden? Auch wenn ich jetzt studiere und doch noch was machen kann was mich halbwegs  interessiert, ich hänge dem Kosmetiktraum immer noch nach. Ich war so begabt. Weißt du noch als ich als Kind mein Zimmer zum Friseurladen umbaute? Ich bin so wütend, dass S. nachdem sie euch alle mehr als zwei Jahre mit Lehrstelle an der Nase herumführt und sich nicht im Geringsten bemüht alle Freiheiten hat. Sie bekam ein Moped geschenkt, hat Internet im Zimmer, darf weggehen, Jungs dürfen übernachten, du kutschierst sie durch die Gegend und dann wird auch noch Rücksicht drauf genommen was sie beruflich denn interessieren würde… Ich wurde im Juli mit der Schule fertig und im Oktober habt ihr mich in dieses Lehrstellenprogramm gezwungen. Und die Zeit dazwischen war reinster Psychoterror. Ich weiß nicht ob du es noch weißt, ich vergesse es jedoch nie. Ich kam nur noch nachts wenn ihr alle geschlafen habt aus meinem Zimmer weil ihr mich so fertig gemacht und beschimpft habt, weil ich noch keine Lehrstelle hatte. Ich hatte mit Tante Streit weil ich mich weigerte mich für eine Bürostelle (die ich ohnehin nicht wollte) in xxx mit 3h Mittagspause zu bewerben und du hast mir nicht geholfen. Auch S. werfe ich nichts vor. Jedes Kind würde diese Narrenfreiheit ausnutzen. Sie ist ein armes, nicht lebensfähiges Mädchen ohne Ziele.

Für mein Studium ist angeblich kein Geld da, aber damit S. und C. gratis leben können, dafür gehst du krank, nachts arbeiten.

Jedesmal wenn ich bei euch bin, bekomme ich diese Zustände neu aufs Butterbrot geschmiert. Das macht mich so unglaublich wütend und traurig. Ich war sogar sechs Monate in Therapie deswegen und auch in einer Selbsthilfegruppe gegen emotionales Essen. Es tut mir leid dass die Leck-mich-am-Arsch-Tablette bei mir nicht funktioniert.

Natürlich weiß ich auch, dass ich in deinen Augen das böse Verräterkind bin, da ich zu Papa Kontakt habe. Aber hat nicht dein eigener Vater, Oma und euch einiges mehr und schlimmeres angetan? Und bis zu seinem Tod hatten du und Tante Kontakt zu ihm. Gut du warst 14 aber Tante war erwachsen und selbst als du dann erwachsen warst, bist du noch regelmäßig zu seinem Grab gelaufen und tust es heute noch.

Mit diesen und ähnlichen Dingen könnte ich ein Buch füllen, aber das hat keinen Sinn, was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Ich bin auch gar nicht böse auf dich. Es ist nicht deine Schuld, dass du mich nicht so lieben konntest wie deine anderen Kinder. Du hattest eine Vorstellung wie dein Kind sein würde und leider hat das bei mir nicht geklappt. Niemand kann etwas für seine Gefühle. Wir beide haben schon immer miteinander gekämpft. Und auch wenn du es nicht absichtlich so geplant hattest, so hatte deine Härte mir gegenüber auch positive Seiten. Ich bin selbständig geworden und unabhängig. Und ich bin eine Kämpferin. Dafür danke ich dir.
Und ich gebe dir mit einem Recht: Man kann erst mitreden wenn man selbst in der Situation ist. Deshalb möchte ich nie Kinder haben. Ich habe Angst, dass mein Kind nicht meinen Erwartungen entspricht und ich es kein bisschen besser mache als du. Ich habe Angst, dass sich die Geschichte wiederholt und ich mich selbst, mein Kind und meinen Partner unglücklich mache.

Ich muss das alles verarbeiten und darf mich davon im Studium nicht aufhalten lassen. Das ist nur schwer wenn du eben jedesmal wenn wir uns sehen entweder aktiv (indem du mich direkt angreifst) oder auch passiv (indem ich mitbekomme was zuhause abgeht) noch eines drauf legst. Es ist besser für uns beide. Ich schone meine Nerven und muss nicht so tun als ob alles in Ordnung ist. Du verbrauchst keine Energie mehr damit zig Dinge die ich deinem Wunsch nach nicht wissen soll geheim zu halten und musst dir nicht mehr überlegen wie du diverse Bevorzugungen meiner Geschwister rechtfertigst, falls sie doch heraus kommen.

Werde gesund und mach dir keine Sorgen um mich. Ich tue das, damit es mir besser geht. Und wie gesagt, ich bin nicht böse auf dich, ich muss mich nur selbst schützen und darf diese Verletzungen nicht mehr zulassen wenn ich gesund werden will. Ich spiele nicht mehr mit.

Ich war nicht die Tochter die du dir wünschtest und du nicht die Mutter die ich gebraucht hätte. Trotzdem liebe ich dich und egal was du in meinen Augen angestellt hast, muss ich dir dankbar sein, dass es mich gibt.