Wohin mit den Eltern nach ihrem Ableben?

Habt ihr euch das schon einmal gefragt? „Na, wohin wohl“, werden einige von euch nun sicher denken, „auf den Friedhof natürlich“. Und das ist auf den ersten Blick auch nicht verkehrt. Allerdings ist Grab nicht gleich Grab. Es gibt Reihengräber, doppelt oder einfach tiefe Wahlgräber, eingeebnete Urnengräber, Kolumbarien, Familiengräber mit 20 oder 30 Jahren Laufzeit, und dergleichen mehr. Morbide, aber wahr: Bei all den unterschiedlichen Friedhofsordnungen und Bestattungsangeboten heutzutage jemanden friedlich und unkompliziert unter die Erde bringen zu wollen, ist ähnlich anstrengend facettenreich geworden wie bei Starbucks einen Kaffee, bzw. bei Subway einen Imbiss zu bestellen.

Coffin to go in italian white, please

Hinzu kommt: Was man über das Sterben und die damit verbundenen Jenseitsvorkehrungen weiß, solange es einen nicht direkt betrifft, ist ja zumeist recht übersichtlich. Auch mir ginge es normalerweise nicht anders, wenn ich nicht bei meinen Großeltern aufgewachsen wäre und meine großartige Vaterfigur, mein Opa (jeder nannte ihn Opa, es war eben sein Spitzname, warum hätte ich ihn anders nennen sollen?), nicht leider schon von uns gegangen wäre als ich 16 Jahre alt war. Damals regelte meine (Groß-)Mutti selbstverständlich alle Formalitäten. Eben mit der ihr, nach dem größten Verlust ihres Lebens, möglichen Sorgfalt. Ärzte, die den Tod formulargerecht feststellen müssen, geben sich mit Bestattern, samt stapelweise pietätvoller Sargprospekte, die Klinke in die Hand. Dazwischen findet der Pfarrer zwar immer mal ein mitfühlendes Wort des Trostes, vorrangig möchte er von den Hinterbliebenen jedoch einen kurzen Lebensabriss des Verstorbenen erhalten, damit er seine Trauerrede entsprechend personalisiert anpassen kann. Mittendrin sitzt man selbst, inmitten der plötzlichen, stummen Trümmer des eigenen Paradieses. Betäubt. Leer. Nicht mehr man selbst. Unfähig auch nur korrekt zu atmen. Kurzum: Der perfekte Zustand um schwerwiegende, konsequentenreiche Entscheidungen zu fällen, die sich teilweise nie, teilweise nur bedingt revidieren lassen, sollte man sie zu seinem später etwaigen Unbehagen getroffen haben. Denn erst einmal verbrannt handelt es sich bei Mami auf ewig um ein unlösbares Puzzle mit endlos vielen Teilen. Nichtsdestotrotz ist die Kremation eine beliebte Form der Bestattung. Manche mögen’s eben heiß.

Endstation Räumungsklage    

So kam’s, wie’s kommen musste. Meine Mutti ließ sich u.a. auch aus Kostengründen von einem herkömmlichen Erdreihengrab unserer Region überzeugen, dessen Liegezeit 18 Jahre beträgt, welche diesen Winter just beendet sind. Damit heißt es nun im wahrsten Sinne des Wortes „Ende Gelände“. Die Ruhestätte meines geliebten Opas hat also ihr offizielles Klassenziel erreicht und soll jetzt demzufolge „aufgelöst werden“, wie das gleichgültige Behördendeutsch es nüchtern nennt. Verlängerungen ausgeschlossen bei diesem Grabtypus – das aus Castingshows vertraute „bitte nicht wiederwählen“-Prinzip macht in modern modernden Zeiten auch vor den ewigen Jagdgründen nicht Halt. Konkret bedeutet das, dass alles, was das Grab oberflächlich einmal als solches ausmachte, entfernt wird: Grabstein, Umrandung, Begrünung. Nimmt man die Dekoration nicht mit heim, wird sie rüde zu Kies und Asphalt weiterverarbeitet. Entweder das Grab wird daraufhin an einen „Nachmieter“ neu vergeben, oder die Stadt hat andere Pläne mit dem betreffenden Areal und pflanzt dort künftig Bäume und Sträucher beispielsweise.

Anders als in den USA, wo Gräber anständigerweise generell keine zeitlich begrenzte Angelegenheit sind, darf man hierzulande also etwa nicht die Asche seiner Toten mit nach Hause nehmen aus Rücksicht auf religiöse und moralische Werte. Dafür aber ist gesetzlich geregelt, dass nach soundso vielen Jahren im Grunde kein Unterschied mehr zwischen  der einstigen Grablege und einem achtlos verscharrten Hundeknochen besteht. Bravo!

RIP – Rest In Periods

Was nun? Da ist guter Rat teuer und das im doppelten Sinne, wie sich noch herausstellen wird. Glücklich zumindest, wer hierbei die alleinige Entscheidungsgewalt besitzt. Hurra, Einzelkinder! Oder zumindest, wer sich mit allen ebenfalls Bevollmächtigten einig ist. Ein Hoch auf die harmonische Familie! Soviel zur grauen Theorie, kurzer Realitätscheck: der erste Glücksfall dürfte auf etwa 25% zutreffen, der zweite liegt bei vielleicht -10%… Die einzig gangbare Alternative lautet jedenfalls Umbettung, was selbstredend kein Gratis-Upgrade darstellt. Nach fast zwei Dekaden Liegefrist im heimischen Erdreich ist von einem allerdings nicht mehr übrig als das Skelett, weshalb kein neuer Sarg besorgt werden muss, sondern eine günstigere, sogenannte Gebeinekiste ausreicht. Jedoch wollen ja auch die Friedhofsarbeiter, die das alte Grab öffnen und das neue ausheben etc., bezahlt werden. Und ebenso kostet der neue Ruheplatz keinen Pappenstiel.

Massengrab 2.0

Doch wenn man sich mit Mitte 30 nun mal nicht damit anfreunden kann, auf die Frage nach dem Vater demnächst antworten zu müssen: „Sollte da hinten irgendwo liegen, wo das Bonbonpapier im Gras hängt und sich Fuchs und Hase ‚gute Nacht’ sagen“, bzw. „Siehst du den Grabstein, auf dem ‚XY’ steht? Genau da, ein paar Stockwerke drunter halt“, dann ist man schnell bereit, eisern zu sparen um in Papis diesmal hoffentlich letzte Reise investieren zu können. Da hat man sich schließlich die schicksten VIP-Tickets ausgesucht, Juniorsuite, All Inclusive, und muss plötzlich feststellen, dass man die Rechnung ohne den bulligen Türsteher gemacht hat, der einem triumphierend entgegenposaunt: „Der kommt hier nich’ raus.“

 

Die Hölle auf Erden

Wie das? Der aufmerksame Leser ahnt es bereits: ich gehöre zu dem Bevölkerungsanteil, der sich zusätzlich zur nie endenden Trauerarbeit auch noch mit weiteren Bevollmächtigten über das Nivana herumstreiten muss. Sonst wäre es ja auch langweilig. Und ich spreche hier keineswegs von meiner seligen Mutti. Die Rede ist vielmehr von ihrer Tochter, meiner leiblichen Mutter. Die näheren Hintergründe zur nie bestehenden Bindung zwischen Letztgenannter und mir ist dabei ein anderes Thema, das hier zu weit führe. Der Himmel ließ jedenfalls meine (Groß-)Mutter vor 10 Jahren dement werden, damit sie die unzähligen, boshaften Entgleisungen ihrer Tochter nicht mehr bei vollem Bewusstsein miterleben muss. Eine davon ist nämlich das schändliche Schindluder, das sie derzeit mit ihrer, aus eben erwähnter Demenz resultierenden, Bestimmungsbefugnis treibt. Undankbar wie eh und je trachtet sie danach, das geistige Erbe meines Opas auszulöschen, weshalb auch kein Ort zu seinem Gedenken weiter Bestand haben soll. Hingegen möchte ich ihn in ein hübsches Wahlwiesengrab umbetten lassen, welches immer wieder aufs Neue verlängerbar wäre und in dem in Zukunft auch weitere Familienmitglieder, z.B. meine Mutti, bestattet werden können.

Entgegen häufiger Vermutung ist jemanden umzubetten durchaus keine, bzw. schlimmstenfalls eine vertretbare, Störung der Totenruhe.  Nur deshalb können Friedhöfe das ja überhaupt anbieten. Informativ fachliche Websites wie der Bestatterweblog (http://bestatterweblog.de/) können dazu rasch Licht ins Dunkel bringen. Bei aller Traurigkeit wahrhaft ein tröstlich schöner Gedanke: Endlich wären Mutti und Opa dereinst wieder vereint und das sogar über den Tod hinaus.

Wie andere einen betten, so muss man liegen?

Dazu muss man nämlich wissen: Meine (Groß-)Eltern waren ein Herz und eine Seele. Sie lehrten mich die Liebe und ein erfolgreiches Zeugnis dessen ist auch die 13-jährige Beziehung mit meinem Seelenverwandten, die vor 6 Jahren von unserer Hochzeit gekrönt wurde. Nach Opas Dahinscheiden verging bis zu meinem Auszug mit 21 Jahren kein Tag, an dem Mutti und ich nicht von ihm sprachen, uns gegenseitig die notwendige Stütze in diesem Ozean des Vermissens waren. Auch danach noch fanden wir mehrere Möglichkeiten uns gemeinsam an ihn zu erinnern. Ich verwahre zärtliche Liebesbriefe von beiden und selbst in Glückwunschkarten an mich kam Mutti oftmals nicht umhin einen liebevollen Verweis auf ihren Ehemann einzubauen („Wäre es doch heute noch bei uns“, „Er schaut von den Sternen zu uns herab und wacht über uns“).

Und nach all dem muss man sich jetzt von missgünstigen Außenstehenden stumpfsinnig vorlügen lassen, dass es mit der Liebe ja wohl nicht so weit her gewesen sein kann, wenn einst ein Einzelgrab statt eines Doppelgrabs organisiert worden sei. Klar. Mutti wäre bei der Beerdigung am liebsten gleich hinterher gesprungen und noch Monate, Jahre später war es manchmal schwer vorstellbar, dass unter all den Tränen nach wie vor noch meine weise, frohgemute (Groß-)Mutter steckte. Jawohl – kurz vor der Goldenen Hochzeit nach einem Leben zusammen gibt es für ein unzertrennliches Liebespaar bestimmt kaum etwas Tolleres als die Aussicht auf gesplittete Ewigkeiten. Mit einer vorschnellen Grabauswahl ist es offenbar wie mit geplatzten Kondomen: einmal nicht richtig aufgepasst und eh man sich’s versieht hängen einem die unbedachten Folgen mindestens bis zu ihrer Volljährigkeit nach.

Das letzte Wort ist in der Sache noch nicht gesprochen. Die Anwälte sind informiert und über kurz oder lang sollte die Zeit mir ohnehin in die Karten spielen. Dergestalt grundlos gemeine Widerspenstigkeit von ausgerechnet der Person, deren Beisetzung ich schließlich eines Tages auszurichten habe, nötigt mir bis dahin zumindest etwas ungläubiges Staunen ab.

Ich kann folglich nur raten: passt auf euch auf, aber macht rechtzeitig euer Testament!

P.S.: Wie sind Deine Empfindungen zu dieser Thematik? Hast Du bereits ähnliche Erfahrungen machen müssen oder konnte Dir hier ein hilfreicher Einblick für bevorstehende Situationen gegeben werden?

 

Lass es mich ruhig wissen.

 

J