… kein Vergessen?

Ich bin ein Mensch, der sich nicht groß um Politik schert; in der Schule fand ich das Fach todlangweilig, im Alltag nervt sie mich häufig. Nichtsdestotrotz komme ich nicht umhin, aktuelle politische Ereignisse mitzubekommen; heute ist ein Tag, der mich beinahe zum Kotzen bringt – also schreibe ich darüber.

Der 27. Januar ist seit 1996 ein bundesweiter Gedenktag; Roman Herzog, der vor wenigen Wochen starb (hat nur keiner gepostet, der hat schließlich keine Musik gemacht!) erklärte ihn damals zu einem solchen Tag; warum?

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz – Birkenau und das Konzentrationslager Auschwitz; wir gedenken diesem Tag als Zeichen dafür, dass wir nicht vergessen dürfen, was unsere Vorfahren geschehen ließen. Teilweise aktiv taten.

Scrollt man heute, an diesem Gedenktag, durch Facebook, wird einem schlecht.
Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich darüber echauffieren, dass heute diesem entsetzlichen Völkermord, dieser Verfolgung „Andersartiger“ gedacht wird. Es ist nicht so, als gäbe es erst seit diesem Jahr Kommentare wie „Ständig heißt es, wir seien Schuld an dem, was unsere Väter und Großväter taten.“; dieses Jahr ist es jedoch, so empfinde ich es, besonders schlimm. Mir erschließt sich nicht, was daran so schwer zu verstehen ist, dass wir nicht Schuld sind, aber Verantwortung dafür haben, dass sich nicht wiederholt, was vor wenigen Generationen geschehen ist. Wie können wir unseren Vorfahren vorwerfen, die Augen verschlossen zu haben, wenn wir selber kein bisschen besser sind? Wie können wir leugnen, dass in diesem Land etwas vor sich hin köchelt, das stark an 1933 erinnert?

Normalerweise blödel ich am 30. Januar rum – es ist mein Geburtstag. Der Tag der Machtergreifung. Montag werde ich darüber keine Witze machen; ich mache mir viel zu sehr Sorgen darüber, dass ich erleben könnte, was meine Großeltern erlebt haben. Eine sich verselbstständigende Masse aus wütenden, unzufriedenen Menschen, die denkt, es wird schon nicht so schlimm. Menschen, die wissen, wozu rechtes Gedankengut führen kann, aber trotzdem eine Partei wählen, die klar dazu aufruft, Minderheiten zu verfolgen. Eine Partei, die den heutigen Tag ebenso unwichtig dastehen lassen will, wie es unfassbar viele Menschen tun. Ach, nein, Entschuldigung – das war nur ein einzelnes Parteimitglied!

Wie kann man derart verbohrt sein, nicht zu sehen, dass wir immer ekelhafter werden? Unsere Gesellschaft – die ach so tolle deutsche Gesellschaft! – lässt zu, dass Flüchtlingsheime brennen. Wir lassen zu, dass Kinder verprügelt werden, weil sie ausländisch aussehen. Wir schimpfen über Menschen, die eine andere Sprache sprechen, obwohl wir nicht wissen, wieso sie das tun – es könnten auch einfach Urlauber sein. Wir schimpfen über Menschen, die vor Waffen fliehen mussten, die wir exportiert haben, und es wagten, vorher nicht alle Sprachen der Länder zu lernen, die sie auf ihrer Flucht durchqueren!
Wir neiden Menschen, die alles verloren haben, dass sie Geld von „unserem“ Staat bekommen.
Wir sind ekelhaft.

Jeder von uns könnte in die gleiche Situation kommen; schert uns das? Lässt uns das umsichtiger mit unseren Worten umgehen? Mitnichten.
Viele von uns haben Großeltern, die ausbaden mussten, als das letzte Mal eine rechtsgerichtete Masse hoch brodelte; schert uns das? Reicht es nicht, dass unsere Vorfahren ihr Leben lang darunter leiden mussten, was sie als junge Menschen getan haben? Wollen wir das gleiche erleben?
Meine Lieblingsgroßeltern haben mir immer nur von ihren schönen Kriegserinnerungen erzählt; ich glaube mittlerweile, dass das ganz bewusst geschah, weil sie mich schonen wollten. Sie wollten nicht, dass ich weiß, welche Ängste sie durchmachen mussten. Welche Schmerzen ihre Seelen erleiden mussten, weil sie ihre Nachbarn, Lehrer und Verwandte sterben sahen.
Möchte ich später meinen Enkeln auch vom Krieg erzählen müssen? Möchte ich verschweigen müssen, dass ich zugesehen habe, wie Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihrer Sexualität diskriminiert wurden? Verfolgt wurden? Mit Sicherheit nicht.

Mir macht Angst, was sich gerade hier entwickelt; ich bin besorgt ob unserer anstehenden Wahlen und hoffe, dass die Wahlbeteiligung dieses Mal exorbitant hoch ist. Auf der anderen Seite freue ich mich, zu sehen, dass zumindest online Menschen laut werden, wenn jemand rechtes Gedankengut verbreitet – ich bin gespannt, ob sich am 10. Februar auch entsprechend viele Menschen auf die Straße begeben werden, wenn die AFD in Münster ihren Neujahrsempfang gibt.

Dieser Text ist womöglich wirr; er zeigt damit einfach, was in meinem Kopf los ist, wenn ich über unsere Welt nachdenke; nicht jeder Text muss perfekt sein, nicht wahr?

Wenn ihr das nächste Mal hört, dass jemand über Ausländer, Homosexuelle, Andersgläubige, Behinderte etc. schimpft – steht auf! Macht den Mund auf und übernehmt Verantwortung für unser Zeitgeschehen. Lasst nicht zu, dass sich die Geschichte wiederholt. Bitte.

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Bild: Pixabay