Ich habe mal jemanden von jetzt auf gleich aus meinem Leben ausgeschlossen. Es ist Jahre her und ich denke fast t├Ąglich dar├╝ber nach. Es macht mein Leben nicht leichter, mein Umfeld versteht es nicht. Unsere Eltern sind noch eng befreundet. Ich bleibe bei meiner Entscheidung und erkl├Ąre mich nicht.

Freunde aus Kindertagen

Das war keine Liebesbeziehung, sondern, fast noch wichtiger im Leben, eine Jungs Freundschaft, die seit der f├╝nften Klasse bestand und irgendwann um unseren 30. Geburtstag herum aufgeh├Ârt hat. Jedenfalls von mir aus. Ich wei├č nicht, warum ich das getan habe. Jedenfalls f├Ąllt mir kein stichhaltiger Grund daf├╝r ein. Deshalb kann ich es auch niemandem erkl├Ąren. Ich habe den Beschluss irgendwann gefa├čt und dann erstmal einige Jahre dar├╝ber nachgedacht, bevor ich den Kontakt endg├╝ltig abgebrochen habe.

Ich bin eher der ruhige, nette Typ

Mir sind in der Zeit keine Stichhaltigen Gr├╝nde eingefallen, die mich von dem Entschluss h├Ątten abbringen k├Ânnen. Es hat wohl viel damit zu tun, da├č ich nicht f├Ąhig bin, mich ihm gegen├╝ber angemessen auszudr├╝cken, was meine Bed├╝rfnisse nach N├Ąhe und Abstand betrifft und meine Ansichten ├╝ber richtiges und falsches Verhalten.

Ich wirke ruhig und duldsam. Aber ich beobachte viel, bilde mir ├╝ber alles eine Meinung, Urteile, aber erz├Ąhle davon nicht vielen Leuten. Ich komme gut an, jemand sagte mal, ich sei ein Sympath. Ich bel├Ąstige die Leute nicht mit meinen Vorlieben und Abneigungen und bin zu jedem freundlich.

Es passiert mir schon ab und zu, da├č Menschen deshalb denken, ich sei ihr Freund und ├╝berrascht sind, wenn ich ohne viel Federlassens weiterziehe. Herzliche und verbindliche Umgangsformen sind f├╝r mich normal, aber viele Leute kennen das wohl nicht oder behalten solchen Umgang nur den vertrautesten Personen vor. Ich bemerke Irritationen, es tut mir auch leid, wenn ich jemanden kr├Ąnke. Aber ich tue das regelm├Ą├čig und f├╝hle mich deshalb nicht schuldig, denn auch ich habe ein Recht auf angemessenen Abstand. Wenn der unterschritten wird, entferne ich mich ohne weitere Erkl├Ąrungen.
Ich h├Ątte viele Vorw├╝rfe machen k├Ânnen. Aber einzeln, jeder f├╝r sich erschienen sie mir zu belanglos, nicht erw├Ąhnenswert. Und irgendwann summiert es sich auf, der Stausee l├Ąuft unmerklich voll. Einen Dammbruch gibt es nicht. Ich habe mein Emotionen gut unter Kontrolle. Ich ├Âffne irgendwann bewu├čt die Schleusen und lasse das Land ├╝berfluten. Ohne Vorwarnung. Umfassend und endg├╝ltig.

Im Nachhinein weiss man es immer besser

Im Nachhinein bin ich kl├╝ger. Erkenne Fehler, die ich gemacht hatte. Ich h├Ątte nie zusagen sollen, zusammen eine Wohngemeinschaft zu gr├╝nden. Drei Schulkameraden fragten mich, als die Zivildienstzeit zuende ging. Ich f├╝hlte mich schon geehrt. Aber auch ├╝berrumpelt und hielt das nicht f├╝r richtig. Aber ich konnte nicht sagen, warum, also sagte ich gar nichts. Heute h├Ątte ich vielleicht gesagt, ich bin neugierig auf andere Menschen, m├Âchte neue Leute kennenlernen. Und Schulkameraden k├Ânnen mir keine Freunde sein, die Schulklasse war mir eine Zwangsgemeinschaft. Ich hielt es f├╝r richtig, da├č jeder weit auseinandergeht und sich alle paar Jahre trifft, erfreut sich zu sehen und erfreut, wieder auseinanderzugehen. Irgendwie ahnte ich das. Wir hatten uns in der Oberstufe aus den Augen verloren, hatten kaum noch Kurse zusammen. Ich verbrachte meine Freizeit lieber mit Leuten aus anderen Schulen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, da├č andere Menschen anders empfinden.

Wir fanden einfach keinen gemeinsamen Nenner

Ich k├Ânnte Vorw├╝rfe anf├╝hren, sicher. Er l├╝gt gern, erz├Ąhlt Geschichten, die er von anderen h├Ârte, so als sei er selbst dabei gewesen. F├╝r ihn wahrscheinlich nat├╝rlicher Ausdruck seines Wunsches nach Gemeinsamkeit, f├╝r mich unversch├Ąmte Urheberrechtsverletzung. Er behandelte seine Freundinnen schlecht. Einmal fragt er mich, wie ich es hinkriege, ein gutes Verh├Ąltnis zu ehemals geliebten Menschen zu bewahren. Ich bin sprachlos, da├č man so etwas fragen mu├č. Aber nichts, was Kumpels sich gegenseitig vorwerfen. Aber wenn man ├╝ber Jahre mitkriegt, wie ein anderer Mensch darunter leidet, sinken Zuneigung und Respekt. Auch das kein Grund.

Distanz – N├Ąhe Verh├Ąltnis

Eigentlich ging mir auf Dauer nur sein Bed├╝rfnis nach N├Ąhe und Gesellschaft auf die Nerven. Er wollte jeden Abend zusammensitzen, trinken und rauchen. Ich machte mit, obwohl ich das nicht wollte. Ich konnte und wollte und wagte nicht, die Gesellschaft abzulehnen. Ich glaube, ich habe viel Zeit verschwendet, denn ich war es gewohnt, meine wichtigen Arbeiten zu Hause abends allein zu erledigen. Diese Zeitvergeudung verzeihe ich ihm und vor allem mir selber nicht. Ich wu├čte, es bringt nichts, ihm das zu erkl├Ąren. Er w├╝rde mich nicht verstehen. Denn ich verstand sein Bed├╝rfnis nach N├Ąhe genausowenig. Wo Verst├Ąndnis fehlt, machen Worte keinen Sinn. Ich deutete an, aber f├╝hrte nicht weiter aus. Nach dem der Mietvertrag ausgelaufen war, bezog jeder eigene Buden. Der Kontakt war weiterhin rege. Er sagte mehrmals, da├č er gerne wieder in der Konstellation zusammen wohnen wollte. Ich widersprach nicht, aber zeigte deutlich wenig Enthusiasmus. Darauf reagierte er entt├Ąuscht und leicht beleidigt. Das best├Ątigte mich in meiner Haltung, nicht erkl├Ąren zu m├╝ssen, was ich nicht erkl├Ąren kann.

Er konnte einfach nicht alleine sein

Ein Telefongespr├Ąch ist mir in deutlicher Erinnerung. Gegen Ende der Studienzeit. Wir wohnten in Zufu├čgehn├Ąhe. Ich warte darauf, da├č etwas neues Anf├Ąngt, habe mich innerlich verabschiedet. Er will wieder den Abend zusammen rumh├Ąngen. Ich lehne ab. Er wird patzig. Du glaubst doch nicht, da├č ich den Abend alleine Verbringe. Das macht mir den Unterschied sehr deutlich. Ihm ist es wichtig, da├č irgendjemand da ist. Ich f├╝hle mich ein wenig gekr├Ąnkt, weil ich diese Haltung nicht verstehe. Ich bin lieber allein als zusammen mit irgendwem. Die besten und liebsten Freunde sind mir diejenigen, die ich ein oder zweimal im Jahr sehe. Ich fange an zu Arbeiten in einer anderen Stadt und merke, da├č ich ihm nicht mehr wichtig bin, solange ich nicht nebenan wohne. Er wird mir immer unwichtiger. Ich rede mit Freunden dar├╝ber, die wissen keinen Rat. Einmal besucht er mich und bleibt mir gleichg├╝ltig. Abends gehen wir getrennte Wege. Seit dem kontaktiere ich ihn nicht mehr.

 

Sigismund Segensreich