Kontaktabbruch zu narzistischen Eltern – Wohin mit den Schuldgefühlen?

«Wir müssen reden!» bei diesem Satz schillern bei mir alle Alarmglocken. Ich öffne in meinem Kopf 100.000 Fenster, gehe x Situationen in den letzten Tagen und Wochen durch. Was habe ich falsch gemacht? Wo habe ich mich falsch ausgedrückt? Wo habe ich nicht emphatisch genug reagiert? Habe ich den falschen Ton getroffen, weil ich gestresst war?

Dabei ist der Satz «Wir müssen reden!» harmlos. Er besagt nur, dass Kommunikationsbedarf besteht, um etwas zu besprechen. Meist sind das banale Dinge, manchmal aber auch ernstes Zeug, aber noch nie hat mir jemand den Kopf abgeschlagen, auch wenn dieser Satz bei mir das Gefühl auslöst. Ohne Kommunikation wären unsere zwischenmenschlichen Beziehungen schwierig.

Die Schuld suchte ich aber auch in anderen Situationen bei mir

«Hätte ich mich doch so und so verhalten, wäre der Missbrauch zuhause nicht passiert!»

«Ich habe ihn sicher provoziert, deswegen verhält er sich so negativ mit mir!»

«Ich bin eine schlechte Tochter, weil ich mich nicht um meine Eltern kümmere!»

«Ich bin an dem Unglück meiner Eltern schuld!»

«Ich bin schuld, weil ich zu schwach bin Menschen nicht helfen kann, aus ihrer Misere herauszukommen!»

 

Ich hatte mir also kurzum gesagt die ganze Schuld auf mich geladen, Menschen entschuldigt für ihr mieses Verhalten, weil ich dachte ich wäre schuld daran. Das diese Menschen selber eine Eigenverantwortung tragen, kam mir damals nicht in den Sinn. Doch zuhause hatte man mir das so beigebracht: Ich bin schuld an allem.

 

Schlechtes Gewissen und Aufopferung bis zum Nervenzusammenbruch

Ein schlechtes Gefühl hatte ich in der Vergangenheit auch, wenn ich nein gesagt habe, wenn Menschen mich um Hilfe gebeten haben. Auch wenn ich dadurch nicht nur einmal in eine Co-Abhängigkeit geraten bin, weil ich das schlechte Gewissen nicht ertragen habe. Ich habe mich manipulieren lassen von einem Bi-polaren Partner, Suchtkranken Menschen und Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern. Ich wiederholte immer und immer wieder was ich in der Kindheit erlebt habe. Kämpfen um Anerkennung, mich beweisen. Weil mir immer eingeredet wurde, dass ich ein niemand sei, der nichts kann, der ein Nichts ist.  Mit 27 Jahren kam ich an einen Punkt, wo ich nicht mehr konnte. Ein Nervenzusammenbruch brachte mich dann schliesslich zur lang benötigten Therapie.

Narzissmus in der Familie

Dort lerne ich, dass meine Mutter eine narzisstische Persönlichkeit hatte. Nach und nach erkannte ich das Muster, die ständigen Abwertungen, ihre oft total übertriebenen Wutanfälle, ihre Opferhaltung und ihre Manipulationen mir und meinen Brüdern gegenüber machten plötzlich Sinn. Ich brauchte lange, um zu verstehen, dass ich nicht schuld war. Das gelang mir mal mehr mal weniger. Ich denke bis heute habe ich noch nicht alles abgelegt, aber ich bin dran. Zumal habe ich nicht mehr den Anspruch an mich selber, dass ich Menschen retten muss. Das ich Schuld bin am Missbrauch durch meine Eltern und an den emotionalen Missbrauch durch andere Menschen konnte ich komplett ablegen. Auch die Schuldgefühle, dass ich mich nicht so verhalte, wie andere es von mir erwarten. Ich bin schliesslich nicht auf der Welt um die Erwartungen von anderen zu erfüllen, sondern nur meine eigenen, nach meinen Regeln.

Ich schreibe heute diesen Beitrag, weil zwei Leserinnen gefragt hatten, wie man die Schuldgefühle ablegt, wenn man den Kontakt zu den Eltern abbricht. Ich kann nur aus meiner Erfahrung schreiben, ich bin keine Psychologin oder Therapeutin!

 «du bist nichts und du kannst nichts»

Durch die ständigen Abwertungen a la «du bist nichts und du kannst nichts» hatte ich ein extrem kleines Selbstbewusstsein. Auch wenn ich viel hinbekam in meinem Leben, blieb das Gefühl tief in mir stecken. Deswegen musste ich mich beweisen und habe vieles ertragen, habe viel mit mir machen lassen, weil ich es nicht anders von zuhause kannte. Als gute aufopfernde Freundin, als gute, sehr engagierte Mitarbeiterin, als Fussmatte für alle, die mich ausnutzten.

Volle Konfrontation mit mir selber

Wann das ganze aufhörte? Als ich am Boden war. Als ich mich an erster Stelle setzte, mein Wohlbefinden, meine Grenzen. Ich ging in ein buddhistisches Kloster in der Schweiz meditieren, volle Konfrontation mit mir selber. Mit meinen Gedanken, die ich zu lange unterdrückte, mit der Wahrheit, die ich nicht sehen wollte und sie deswegen ignorierte. Das war aber nur der Anfang, das Reflektieren, das Erinnern und aufarbeiten halten noch bis heute an. Ich hatte nämlich das Gefühl, wenn ich mich nicht mehr mit meiner Vergangenheit befasse, geht das schon von alleine weg. Doch weitgefehlt. Es brodelte unter der Haut wie ein Tumor und machte sich breit, gerade weil ich viele Ursachen und Muster nicht erkannte. Weil ich mich selber nicht kannte, und immer das glaubte was man mir erzählte: Ich bin nichts, ich kann nichts.

Wie soll ich denn andere glücklich machen, mich um wen Sorgen, wen lieben, wenn ich es bei mir selber nicht schaffe?

Das Leben und ich haben dem aber irgendwann nicht mehr zugestimmt. Ich betrachtete das, was ich bisher geleistet hatte, was mir gelungen ist. Mit jedem nein wuchs mein Selbstvertrauen. Mit jeder Abgrenzung mein Seelenfrieden. Ich habe angefangen Zeit mit mir zu verbringen, Zeit alleine, mit meinen Gedanken. Habe herausgefunden für was ich mich interessiere und das war sehr viel! Und dann fragte ich mich: Wozu ein schlechtes Gewissen, wenn ich zuerst auf mich schaue? Wie soll ich denn andere glücklich machen, mich um wen Sorgen, wen lieben, wenn ich es bei mir selber nicht schaffe? Wenn einige das Wort Selbstliebe hören, denken sie an eingebildete, arrogante Frauen.

Doch dem ist nicht so. Selbstliebe bedeutet es mir wert zu sein, mich zu schützen vor allem was mir nicht guttut. Wie ich es mit einem kleinen Kind machen würde. Selbstliebe bedeutet mich anzunehmen wie ich bin und das zu ändern, was mir nicht an mir gefällt, weil es mir guttut, nicht weil irgendwer das von mir erwartet. Das heisst nicht, dass ich mich jeden Tag super finde, das bedeutet lediglich, dass ich an schlechten Tagen nachsichtiger mit mir bin und mir Fehler verzeihe. Selbstliebe bedeutet, mich zu behandeln, wie ich das mit einem geliebten Menschen tun würde.

Als Frau sollst du nämlich am besten so sein, wenn es nach einigen geht:

Aufopfernd sollen wir sein

Andere bitte immer vor unser Wohl stellen, alles erdulden, ohne aufzumucken.  

Gute Töchter

Meist heisst das gehorsam und Demut, die Ansprüche der Eltern erfüllend. Sich alles von den Eltern bieten lassen, sind doch schliesslich die eigenen Eltern.

Still und bescheiden

Um ja keinen Mann einzuschüchtern, oder ihm Konkurrenz zu machen. Keine «Probleme» verursachen.  

Liebevoll und nett

Aber bitte zu jedem und allem, sonst wirst du durch Abwertung und Beleidigungen bestraft! Und wehe dir du bist wütend!

Bescheiden

Wo kämen wir hin, würden Frauen stolz sein auf ihre Leistungen, wie Heinz nach einem Bierrülpser?

Anpassungsfähig

Damit wir ja nicht eine eigene Persönlichkeit haben, sondern um Gotteswillen bitte nicht auffallen.

 

Ja, das ist nun überspitzt dargestellt, doch tief in euren inneren wisst ihr, dass viele Menschen diese patriarchalische Scheisse tief in sich drin verinnerlicht haben. Frauen werden so versucht klein zu halten. Denn wer eingeschüchtert wird, ständig zu hören bekommt, dass sie ein nichts ist, dass sie nichts kann- irgendwann glaubt frau das. Das Selbstvertrauen ist am Boden und so kommt frau auch zu diesen elenden Schuldgefühlen.

Wozu Schuldgefühle? Do your thing!

Doch wozu Schuldgefühle? Das wir uns nicht alles bieten lassen? Das wir uns schützen vor Menschen und Situationen, die uns nicht guttun? Das wir für uns entscheiden, was für uns richtig ist, für unser Leben, ohne andere um Erlaubnis zu bitten? Warum ist es so wichtig was andere von uns und unseren Entscheidungen halten? Weil es immer hiess: «Was sollen denn die anderen denken?»

Aber was andere denken ist weder unser Problem, noch können wir es kontrollieren. Verurteilt wirst du immer, sieh also zu, dass du dein Leben so lebst, wie es dich glücklich macht!

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8 Kommentare

  1. Hallo,

    schön, dass du das gesagt hast. 🙂

    Mir gefällt es, wie du das Thema aus verschiedenen Perspektiven beleuchtest. Besonders die Tatsache vom Mangel an der Übernahme von Eigenverantwortung und die ständige Einhaltung der Opferrolle kann einen in den Wahnsinn treiben – wenn man nicht selbst für die nötige Distanz sorgt. Ob diese räumlich oder lediglich emotional ist, kann jeder für sich entscheiden. Wichtig finde ich deine Betonung der Selbstliebe. Dabei geht es nämlich nicht darum, dass man anderen etwas Schlechtes wünscht, sondern bei sich selbst für etwas Gutes sorgt.

    In diesem Sinne, danke für deinen schönen Beitrag und dir viel Selbstliebe auf deinem Weg. 🙂

    Liebe Grüße,
    Alias Trixies

    • Paula Deme

      Liebe Alias Trixies

      Merci vielmals für dein tolles Feedback!

      Merci, das wünsche ich dir auch von ganzem Herzen!

      Liebe Grüsse,

      Paula

    • Brigitte Ould Yali

      Danke für den sehr guten Text, bin betroffen
      durch eine solche Konstellation, narzisstische Mutter, Schwester. Kontaktabbruch, endlich geht es mir gut, auch durch jahrelange Therapie…Big Hug liebe Paula❤

      • Paula Deme

        Merci, Brigitte für deine Offenheit. Tut mir leid, dass du das auch erleben musstest. Danke dir vielmals für das positive Feedback, das bedeutet mir viel.

        Big Hug und hoffe auf ganz bald zum nächsten Vollmondspaziergang ❤

  2. Stephanie

    Liebe Paula,

    Selbstliebe ist, so denke ich, unheimlich wichtig. Ich schenke mir all die Liebe die ich nicht bekommen habe selber und suche sie nicht mehr bei anderen.

    Denke für diesen Text.

    Viel Liebe für dich, Stephanie

  3. Das Problem betrifft nicvht nur Frauen, auch ich habe solche Erfahrungen (nicht in dem Sinne „Du kannst nichts“ sondern „das ist nichts für Dich, Gott straft Dich dafür“.
    Es war auch ein langer Weg die Zusammenhänge zu verstehen – bei mir führte der Weg über Alkoholsucht, mit 36 landete ich dann glücklicherweise in einer Suchtklinik (Therapeutische Gemeinschaft für 6 Monate). Und es war in meiner Kindheit meine Mutter die mich prügelte und meinen Vater manipulierte…
    Heute denke ich so wie Du – ich mag mich im grossen und ganzen wie ich bin, ich brauche keinen auf englisch getrimmten Rasen „was sagen denn die Nachbarn“ und keinen geleckten Fussboden. („kann man vom Fussboden essen“ bei mir auch: die Reste der letzen Tage….“).

    Mach weiter so, geniesse Dein Leben, es gibt nur diese Eine.

    • Paula Deme

      Lieber Wolfgang

      Danke dir für deine Offenheit. Tut mir leid, dass du sowas erleben musstest. Doch schön zu hören, dass du es überwunden hast und nun ein anderes Leben führst. Das mit Gott kenne ich auch, hatten es erst kürzlich mit meiner Cousine darüber. Schlimm, einfach schlimm.

      Ich wünsche dir weiterhin alles Gute!

  4. Da hast du ziemlich heftige Dinge erlebt!
    Aber ich bin auch eine sehr schlechte Tochter und so schuldig, dass sich meine Mutter gezwungen sah, zweimal den Kontakt zu mir abzubrechen. Beim ersten Mal war es, weil ich schwanger geworden bin (NACH der Hochzeit). Beim zweiten Mal, weil wir uns ein Haus gekauft haben („und jetzt wollt ihr alle mein Geld!“)
    Von ihrem Tod erfuhr ich im letzten Jahr durch die Nachbarn. In der Wohnung sah es aus, als hätte es mich nie gegeben.
    Und dennoch fühle ich mich schuldig. Manchmal. Aber es wird weniger.
    Danke für deinen Artikel!
    LG
    Sabiene

Mich interessiert deine Sichtweise zum Thema!

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