Neophobie & Neophilie

Wann hattet ihr das letzte mal Angst? Und wie seid ihr damit umgegangen? Habt ihr euch verkrochen, wie man sich früher unter der Bettdecke versteckte, vor den vermeintlichen Monstern unter dem Bett? Seid ihr eher der vermeidende Typ, der dann die Flucht antritt? Werdet ihr aggressiv und geht in ein Angriffsverhalten über?  Habt ihr eure Angst mal genauer angesehen, um herauszufinden, woher sie überhaupt kommt? Angst wird geschürt, gelernt, anerzogen.

Haben Männer und Frauen gleichermassen Angst? Dürfen beide diese Angst gleichermassen zeigen, oder ihre Furchtlosigkeit? Wie wird Furchtlosigkeit von der Gesellschaft gewertet? Frauen sorgen sich doch so viel, haben Angst vor Neuem, brauchen Beständigkeit und Sicherheit und trauen sich weniger zu als Männer, nicht? Während Männer automatisch furchtlose Helden sind, muss mit mutigen, furchtlosen Frauen ja grundsätzlich etwas nicht stimmen.

Denn letzteres darf nicht sein. Frauen, die sich mutig verhalten, offen und Abenteuerlustig, sind ein Mythos. Werden wir doch dazu erzogen, auch heutzutage, leise, still und gefügig zu sein.

Frauen & Wut

Auch einen Anspruch auf Wut haben Frauen in der Vergangenheit nicht gehabt. Heute ausserdem auch nicht. Wenn sie durchsetzungsstark sind, sind sie zickig. Da fühlt sich der Mann dann provoziert. Deswegen schauen nun manche Männer so verdutzt aus der Wäsche. Aber klar, Frau muss verrückt sein, um sich gegen Bullshit des Mannes zu wehren. Wo kämen wir denn nur hin, wenn jede Frau sich gegen toxische Verhaltensweisen gleich zur wehr setzt, es beim Namen nennt, anstatt es Jahrelang zu ertragen?! Wo kämen wir hin, wenn Frauen auf den Tisch hauen und den Tarif durchgeben? Wo kämen wir hin, wenn Frauen sich schützen vor toxischen Verhaltensweisen und Massnahmen ergreifen?

Eine Frau mit einem starken Willen und einem eigenen Weg, beäugen die meisten auch noch misstrauisch.  Nicht selten unterstellt man diesen Frauen z.B. ein psychisches Leiden, um sie zu diskreditieren. Um sie Mundtot zu machen, sie einzuschüchtern und ihrer Reputation zu schaden, wie in den guten alten Zeiten, als man Frauen noch zum Scheiterhaufen oder in die Psychiatrie schickte. Doch eins nach dem anderen.

Bitte nun alle selbstbewussten Frauen die Hand heben, die noch nie von einem *Mann als „schwierig“,  „krank“ oder nicht „normal“ bezeichnet wurden. 

*Weil diese Angst hatten vor starken Frauen.

Wie entsteht Angst überhaupt?

„Bei der Entstehung von Angst und Furcht spielen verschiedene Gehirnbereiche eine Rolle. Teile der Schläfenlappen sind bei Panikstörungen ebenso wie bei nichtpathologischer Angst besonders stark durchblutet, und elektrische Stimulationen (wie auch epileptische Anfälle) können dort u.a. Angst erzeugen. Der präfrontale Cortex hat neben kognitiven auch emotionale Funktionen; Läsionen (Lobotomie) reduzieren die Gefühle einschließlich der Angst.

Der präfrontale Cortex muß nach der Geburt noch ausreifen und kann erst dann bei der Unterscheidung und Deutung von Sinneseindrücken – also auch von Gefahren – mitwirken. Das dauert z.B. bei Rhesusaffen 9-12 Wochen, bei Menschen 7-12 Monate (vielleicht setzt deswegen bei kleinen Kindern dann das Fremdeln ein).“

Quelle: Spektrum.de

Es lohnt sich hier den gesamten Beitrag zu lesen! Es wird u.a auf die Ursache von Angst und Therapie eingegangen. 

Angst, Angst, überall Angst

Wenn ich mich umsehe, entstehen und entstanden viele unserer weltweiten Probleme aus Angst. Es werden Gespräche und Situationen vermieden, aus Angst vor Konfrontation und Konflikt. *Frau macht gute Miene zum bösen Spiel, um nicht als Querulantin dazustehen. Man hat Angst, nicht gemocht, akzeptiert zu werden, deswegen passt frau sich an. Männer haben Angst, dass ihnen durch den Feminismus, die Unterwerfung durch die Frauen blüht.

Angst vor dem fremden, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor anderen Lebensmodellen, Angst vor Homosexualität, Angst vor neuen Situationen, Angst vor Veränderung, Angst, Angst, und nochmal Angst. Überall Angst. Menschen gegen Menschen- oftmals aus Angst. In der Vergangenheit und auch heute in der Gegenwart. Die AfD hat das Spiel mit der Angst für sich gepachtet und weiss wie man mit Angst Wahlkampf macht.

„Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass. Hass führt zu unsäglichem Leid.“— Yoda zu Anakin Skywalker

Neophobie – Angst vor Neuem

Neophobie ist weit verbreitet. Angst vor dem Neuen, dem Unbekannten. Sie lähmt uns, beeinflusst unsere Entscheidungen und unser Leben. Wir klammern uns an das Alte, Bekannte, aus verschiedenen Gründen. Einer davon ist die vermeintliche Sicherheit, die nur eine Illusion ist. Alles verändert sich, ständig. Auch wir, auch die Welt in der wir leben, auch das Universum. Da festhalten zu wollen ist in meinen Augen einfach nur töricht.

Zu glauben eine Beziehung verändere sich nicht, zu glauben frau selber verändere sich nicht. Ich weiss nicht. Wer sein früheres Ich mal genauer betrachtet, stellt schnell fest, dass frau (meistens zumindest) nicht mehr der gleiche Mensch ist, der frau einst war. Viele Menschen lehnen prinzipiell aus Angst auch alles ab, was nicht ihrem Weltbild entspricht. Werten es ab. Weil es für einen selber unmöglich erscheint. Weil es einem eine höllische Angst einjagt und die persönlichen Genzen aufzeigt.

Neophilie – das Atonym von Neophobie

Während man über Angst, Angstformen und Störungen einen Haufen im Internet findet, gibt es speziell über Neuophilie, als Begriff, im Vergleich wenig zu lesen, wenn man nur das Wort in der Suchleiste von Google eingibt.

Auf Wikipedia findet man folgendes:

Neophilie (aus griech. νέος, neos = ‚neu‘, φιλία, philía = ‚Zuneigung‘) – ein Begriff, der durch den Schriftsteller Robert Anton Wilson populär wurde – ist durch Neugier und eine große Offenheit und Affinität gegenüber Neuem, Andersartigem und Veränderungen gekennzeichnet. Der Begriff wurde u. a. von Christopher Booker in seinem Buch „The Neophiliacs“ (1969) und von J. D. Salinger in seiner Kurzgeschichte „Hapworth 16, 1924“ (1965) verwendet.

Typische Merkmale neophiler Menschen sind:

  • Bedürfnis, Neues kennenzulernen und zu erfahren
  • Bereitschaft und Fähigkeit, sich schnell an Veränderungen anzupassen
  • Abneigung gegenüber Wiederholung und Routine
  • Wunsch nach neuen Erfahrungen, persönlicher Entwicklung, Abwechslung, Vielfalt
  • Bedürfnis, selbst Neues zu schaffen, Dinge oder Gegebenheiten zu verändern
  • Abneigung gegen starre Regeln, Zwänge, Traditionen, soziale Normen

Der Begriff Neophilie wird in der Verhaltensforschung und Medizin verwendet, um das Erkundungsverhalten (Exploration) in unbekannten Umgebungen, wie auch gegenüber unbekannten Nahrungsmitteln bei Tieren und Menschen im Kindesalter zu beschreiben. Neophilie korreliert stark mit dem Merkmal Offenheit für Erfahrungen, einer fünf Hauptdimensionen einer Persönlichkeit nach dem Fünf-Faktoren-Modell (Big Five).

Mehr findet man unter den Begriffen: Offenheit, Sensation Seeking (was ich hier für den völlig falschen Definition halte) und Neugierde.

Auch hier passt der Spruch, den ich schon mal für einen Blogbeitrag verwendet habe:

“Normal is an illusion. What is normal for the spider is chaos for the fly.”

Charles Addams

Prägung in der Vergangenheit

In der Vergangenheit wurde Neugierde und Offenheit, als etwas dargestellt, was immer negativ geprägt war und mit immensen Gefahren einherging. Schauen wir uns nur „Paulichen war allein zu Hause“ aus dem Struweltpeter von Heinrich Hoffmann an. Sie, die neugierig war auf das Feuerzeug, ihr passierte das grosse Unglück.

Aber auch „Hänschen Klein“, kam wieder zurück nachhause, statt in die weite Welt zu ziehen, nachdem die Mutter nach ihm weinte. Tja, Hänschen, war wohl nichts mit der grossen weiten Welt, nun bleibst du für immer an Mamis Rockzipfel. Rotkäppchen wurde ausserdem vom Wolf gefressen, nachdem sie den richtigen Pfad im Wald verlassen hatte.

Und es geht weiter: Alleinstehende Frauen waren immer hässliche, alte Hexen mit Warzen im Gesicht, vor denen man sich schützen musste, vor denen man sich in Acht nehmen musste.  Prinzessinnen mussten immer gerettet werden, weil sie hilflos waren, keine Eigeninitiative kannten. Männer waren immer tapfere Schneiderlein, Ritter, Könige und Drachenbezwinger, denen Frau nie widersprach.

Neugierige, kluge Frauen wurden früher als Hexen verbrannt. Ging ja unter keine Kuhhaut, dass da manche mehr von Kräuterheilkunde verstanden, als irgendwelche Quacksalber. Musste ja ein Teufelsweib gewesen sein, das auf den Scheiterhaufen gehört, ganz bestimmt. Warst du als Frau zu wohlhabend, zu dickköpfig, zu aufmüpfig, wurdest du auch irgendwie diskreditiert, dir Geisteskrankheiten angedichtet und evtl noch auf Geheiß deines Mannes in die geschlossene Anstalt zur Verwahrung eingesperrt. Wenn du noch mehr Pech hattest, wurde dir die Klitoris chirurgisch entfernt. Wie in weiten Teilen dieser Welt auch noch heute üblich! Achtung, nun kommt der Sexteil!

Larrys & die Klitoris-ein Trauerspiel sondergleichen

Männer, die denken, Vagina beschreibt das gesamte Geschlechtsteil der Frau und die Klitoris sei nur ein kleiner Knopf, oberhalb der Vulva tun auch heute noch ihr übriges. Frauen, die selbstbestimmt ihre Sexualität ausleben sind Schlampen. Frauen die sich nicht auf irgendwelche Larrys oder Michels einlassen, sind arrogante Schlampen. Lesben werden nur akzeptiert, solange sie dem Mann als Wichsvorlage dienen oder sie partizipieren können beim sexuellen Akt. Ansonsten ist jede Feministin eine Kampflesbe, die man zutiefst verachtet.

Manche Männer denken immer noch wie Dr William Acton, der 1867 das Buch „The Functions and disorders of the reproductive organs“ herausbrachte. Dort steht unter anderem folgendes:

„…die meißten Frauen sind (glücklicherweise für diese) nicht besonders berührt durch sexuelle Gefühle irgendeiner Art. Was Männer aus Gewohnheit sind, sind Frauen nur sehr selten.”

„Die besten Mütter, Ehefrauen und Verwalter des Haushalts wissen wenig von sexuellen Ausschweifungen. Die Liebe für das Heim, die Kinder und häusliche Pflichten sind die einzigen Leidenschaften, die sie haben.”

“Eine bescheidene Frau wünscht sich nur selten sexuelle Befriedigung für sich selbst. Sie unterwirft sich ihrem Mann, doch nur um ihm zu dienen und um des Bedürfnisses Mutter zu sein. Ansonsten wäre sie froh, wenn sie von seiner Aufmerksamkeit erlöst wäre.”

Hmm, ja, klar. Aber ernsthaft, ich habe so einige getroffen, die das nachgenau so sehen. Im Jahr 2019! Und wenn man sich so anschaut was Konservative und  Rechte fordern, deckt sich das mit dem Bild von 1867, dass Acton damals von Frauen hatte. Frauen die nicht so leben wollen, mit denen muss ja grundsätzlich etwas nicht stimmen. Jede Frau will doch ein eigenes Heim, Kinder und einen Mann haben.

Frauen sollten und sollen auch heute noch stille, sanfte, gefügige Wesen sein und am besten immer hinter einem starken Mann stehen.  Schliesslich hat der doch immer Recht. Frauen sind ausserdem nicht mutig. Mutig sind nur echte Männer, Ritter, Kämpfer, nicht zu vergessen: Das tapfere Schneiderlein.

Frauen sind dafür gemacht Mutter zu werden, weil sie eine Gebärmutter haben. Und jeder mit einer Stimme sollte Opernsänger werden, wegen der Stimmbänder die vorhanden sind!

In der heutigen Gesellschaft versuchen Konservative und Rechte und Co. Neugierde auf fremde Kulturen, Offenheit, Interesse und individuelle Entfaltung und den weiblichen Sexualtrieb zu diskreditieren und verweisen auf „deutsche“ Werte, alte Werte, denen man mehr Platz in seinem Leben geben muss.

„Gutmensch“ mutierte zum Schimpfwort

Die Frau sollte doch bitte nun wieder einen deutschen Michel, mit arischem Nachweis über 10 Generationen heiraten, zuhause bleiben und mindestens drei Kinder gebären, um die sie sich dann  ausschliesslich kümmert. Auch über ihren eigenen Körper würde dieser Michel wieder (bzw. weiter)  gern bestimmen. Wenn sie sich nicht gesellschaftskonform verhält, wird sie als krankhaft bezeichnet und abgewertet.

Der Offenheit, Neugierde, der persönlichen Entfaltung eines Individuum standen immer die gleichen gesellschaftlichen Werte gegenüber:

Sicherheit, Beständigkeit, Traditionen

Aus Angst vor Neuem. Aus Angst vor dem fremden, dass frau sich nicht erklären konnte. Wer kennt den Spruch nicht „Weil wir das immer so gemacht haben!“ Ergo: Tanzen die wenigsten aus der Reihe, stellen die wenigsten alles in Frage, weil sie Angst haben aus der Reihe zu fallen und als Sonderlinge gesehen zu werden, die ausgeschlossen werden. Es ist einfacher, einen Weg zu gehen, den Tausende vor einem gegangen sind, als einen neuen Pfad einzuschlagen, nicht?

Ich würde gern in einer Welt leben, in der jeder so sein darf wie er ist. In der auch Männer Angst zeigen dürfen und Frauen Mut und Tollkühnheit zugesprochen wird. Frei von toxischen und patriarchalischen Strukturen.

Zeiten verändern sich, Situationen verändern sich, Länder verändern sich (nicht erst seit 2015) einfach alles verändert sich und das ist wunderbar. Für mehr Mut und weniger Angst. Für mehr Akzeptanz und weniger Verurteilung. Und mehr von dem Emphatiescheiss, für alle, bitte! 

Habt ein schönes Wochenende!

Paula

*Ich ersetze hier bewusst das Wort „man“ durch „frau“

3 Antworten auf „Neophobie & Neophilie“

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