Das Leben ohne Facebook & Co

Vor 10 Jahren fing ich an Facebook zu nutzen. Anfangs für die Kontakte in der Heimat, für Kontakte aus Ibiza, für weggezogene, für die Gäste in der Bar, in der ich gearbeitet habe, für die Promotion von irgendwelchen Partys von Freunden. Um Kontakt zu halten, mit alten Freunden, die man nicht mehr täglich sah, um neue Bekanntschaften “abzuchecken”. Dann kamen Instagram dazu, noch lange bevor Facebook es kaufte. Anschliessend Tumblr, Pinterest, LinkedIn und Snapchat. Ich war überall dabei.

Irgendwann letztes Jahr im September deaktivierte ich erstmal mein Facebookkonto.

Ende Dezember begann dann das grosse Aufräumen: Auch Instagram, WhatsApp, Pinterest, Tumblr und ein paar alte E-Mailadressen verschwanden, Facebook wurde zur Löschung freigegeben, ich hatte im letzten Beitrag darüber berichtet. Der Zuspruch war gross, auf dem letzten verbleibenden Social Media Kanal den ich pflege: Twitter.

Man bekommt nichts mehr mit – und das ist grossartig!

Einige erzählten zwar davon, dass sie auch weg wollten, vor allem von WhatsApp, aber keiner ihrer Freunde wollte mitziehen. Man wolle ja nicht isoliert sein, nichts mehr mitbekommen. Wer andere ausschliesst, wegen einer fehlenden App, nun ja, wie weit kann es dann mit der Freundschaft her sein?

Aber ich muss zugeben: Ja, man bekommt fast nichts mehr mit- und das ist grossartig! Denn sind wir mal ehrlich: Wer steht schon auf die 1000 & 1 Gruppenchats in denen profane Infos, Videos und GIFs ausgetauscht werden, oder man zu Weihnachten ein weitergeleitetes 08/15 Bild mit Grüssen enthält? Die nervigen Elternchats, die noch nervigeren Chats, in denen man gefühlt 5 Stunden diskutiert, bevor man endlich auf den Punkt kommt? Niemand.

Mich interessieret das Leben der anderen 0

Ich war es auch leid in den Sozialen Medien, die ganzen Fakegeschichten die mir da präsentiert wurden. Ob es nun Fakefollower oder Fakelikes waren, Leben, die es so nicht gab, die  “grosse Liebe” Beziehungen die sich nur im Rampenlicht des Facebookscheinwerfers abgespielt haben, aber nach 3 Monaten wieder Geschichte waren. Von den ganzen Shitstorms, der Zensur, die erhaltenden Drohungen und all dem Dreck fange ich lieber nicht an. Braucht es denn wirklich jeden Schritt dokumentiert für die Gemeinschaft, auch vom eigenen Kind? Nein. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ausser du bist ein Kind, das sich nicht wehren kann. Dann geht`s mit deiner Würde und deinen Persönlichskeitsrechten den Bach runter, denn Mami und Papi geben das Recht am eigenen Bild mit dem hochladen der Kinderbilder an Facebook ab.

Mich und andere interessiert es nicht, dass Johann-Norbert nun aufs Töpfchen geht, inklusive Bilder vom Inhalt des Töpfchens, oder Larissa-Maria- Anneliese nun seit vier Wochen Husten hat.

Oder das “FreundIn” XY nun da und dort essen geht, inklusive Fotos des Essens / Trinkens usw. Mich interessiert es 0, wo irgendwer von meinen “Freunden” sich gerade befindet, oder nicht befindet, wer wann und wohin in den Urlaub fliegt, und was er dort macht, wer auf welche Veranstaltung geht (Ok, diese Option war wirklich toll, da man so gewissen Menschen aus dem Weg gehen konnte) Auch bin ich es leid von anderen begafft zu werden. Ich hatte Follower, die im realen Leben nicht mit mir geredet haben, aber alle Instagramstories von mir schauten – creepy as fuck.

Wenn es mich mal doch  interessiert was die Leute in meinem Umfeld machen? Rufe an, treffe mich mit ihnen. Frage nach, über einen sicheren Messenger. Eine Liste sicherer Messenger und den direkten Vergleich aller Kommunikationsmittel gibt es von der Digitalen Gesellschaft hier 

Wie ist also mein Leben nun, ohne Social Media?

Gut, besser als vorher. Ich bin zwar eingebundener, aber auch entspannter.  Meine Lieblingsblogs sind abonniert,  genauso wie die Newsletter der Museen, Veranstaltungshäuser, Theater usw. Madame Deme weiss also bestens Bescheid was um sie herum abgeht, auch ohne Facebook. Aktuelle News bekomme ich genug über die Timeline von Twitter gespült, habe aber auch ein paar Zeitungen abonniert. Engagiere mich mehr, für gute Sachen. Bin Mitglied geworden bei der Digitalen Gesellschaft und im Chaos Computer Club, versuche so oft wie möglich an die Treffen von Aktivistin.ch zu gehen. Bin im Frauenstreikkollektiv für den Frauenstreik 2019 Zürich in zwei Arbeitsgruppen involviert. Bin (gerade eher passiv) in einer Partei.  Und dazu der neue Job, und mein langersehnter Astrophysiklehrgang an der Universität Zürich, der letzte Woche angefangen hat. Also ja, es ist ganz schön was los.

Menschen in der echten Welt treffen macht ausserdem mehr Spass, wie kürzlich auf dem Chaos Communications Congress. Wo mir 2017 Jahr überhaupt richtig bewusst wurde, was Social Media mit uns macht. Wie man unsere Daten verwertet und wie wir uns verkaufen, für ein wenig Anerkennung von Menschen, die wir zum Teil nicht mal richtig kennen. Auch habe ich die Wichtigkeit von Privatsphäre für mich entdeckt, ja genau. Man muss nicht alles öffentlich mitteilen, deswegen die Frage, ob so ein Blog überhaupt noch das richtige für mich ist. Auch, weil ich mich auf andere Themen fokussieren möchte.

Ich würde auch gern den Podcast mehr beleben, aber mir fehlt gerade die Zeit und die Motivation. Wahnsinn und das ausgerechnet von mir,  dem ehemaligen Social Media Junckie, was? Es ist und war ein Ablösungsprozess, den ich so auch gebraucht habe und ich bin froh habe ich es getan. Ich muss niemanden meinen Wert beweisen. Ich muss niemanden ständig zeigen, was in meinem Leben abgeht, rund um die Uhr. Ob es den Blog so weitergeben wird, in der Regelmässigkeit, steht also auch in den Sternen, das einzige was mich noch hält, seid ihr. Ihr, die ihr mir E-Mails und Kommentare geschrieben habt, wie sehr euch meine Worte helfen. Wie sehr sie euch anregen eure Sichtweisen zu überdenken.

Ihr, die mir Mut gemacht habt. Der Blog, mit euch zusammen, hat mir unglaubliches ermöglicht! Danke, dafür! Dieser Blog hat mir geholfen, mich der Welt mitzuteilen, nach dem langen Schweigen, gesehen und verstanden zu werden, als auch auf Gleichgesinnte zu treffen. Die Entscheidung was mit ihm passiert werde ich nicht leichtfertig treffen. Nicht heute, und nicht morgen.

Ich bin nun erstmal froh, muss ich das gefrässige Facebookmonster nicht mehr füttern. Denn auch Instagram und WhatsApp gehören der Datenkrake. Und wer meint, er sei besonders schlau, und stelle keine Bilder seiner Sprösslinge ins Internet, aber Oma, Opa, Tante und allen anderen Bilder seiner Kinder per WhatsApp schickt, verspielt auch so das Recht am eigenen Bild und muss damit rechnen, dass dieses irgendwann mal benutzt werden könnte, für was auch immer. Schliesslich habt ihr eingewilligt die Bildrechte an Facebook abzugeben, auch bei WhatsApp, in dem ihr “AGB akzeptieren” gedrückt habt. Herzlichen Glückwunsch!

Da helfen auch nicht diese peinlichen Statusmeldungen, die man alle Wochen mal gesehen hat “Hiermit widerspreche ich den Facebookrichtlinien” blablabla! Das hilft nicht, so gar nicht, wirklich. Facebook pfeift auf eure Statusmeldungen oder was ihr wollt. Ihr seid mit Facebook nicht einverstanden? Daten herunterladen, Account löschen, gut ist. Sucht euch Hobbys, vernetzt euch mit anderen, die, die gleichen Interessen haben wie ihr. Lest Bücher, lernt ein Instrument spielen, geht alleine raus und lernt neue Menschen kennen, seid offen. Gerade Social Media suggeriert uns allen Nähe, wo in Wahrheit keine ist. Findet richtige Nähe zu anderen Menschen wieder, denn man wird sich in ein paar Jahren kaum an einen Chat erinnern, aber wohl an magische Augenblicke, die man alleine oder mit anderen draussen verbracht hat, in der realen Welt.

Schönes Restwochenende!

Paula

Eine Antwort auf „Das Leben ohne Facebook & Co“

  1. Menschen, die einen im realen Leben nicht grüßen, aber auf Instagram folgen oder über Facebook eine Freundschaftsanfrage schicken… Die kenn ich auch. Ablehnen, blockieren. Oder eben seine Accounts löschen wie du. Mich nervt es auch tierisch, dass Facebook sich alles unter den Nagel reißt. Witzig finde ich auch Menschen, die auf Instagram posten “Facebook löschen, get a life!” Ähm, get a brain?

    Alles hat Vor- und Nachteile. Facebook nutze ich nur noch rudimentär. Ich hab fast alle Fotos gelöscht und nur noch 56 Freunde, die ich bis auf 3 oder 4 im realen Leben kenne (und auch dort mit ihnen rede). Ich überlege oft, mein Profil zu löschen, finde dort aber ein paar Gruppen hilfreich für mich. Instagram mag ich, weil ich gerne fotografiere und viele Künstler ihre Werke dort zeigen. Ich habe schon einiges an Inspiration über Instagram bekommen. Man bastelt sich halt so seine Blasen. >D Der ganze Fakekram interessiert mich nicht. Twitter finde ich gut, nur manchmal etwas anstrengend. Sehr viel Meinung zu allem und nichts. Und dort kenne ich wirklich niemanden persönlich. Trotzdem haben sich ein paar sehr nette Kontakte ergeben. Tja, und Whats app… ohne steht man echt auf Seite. Für unsere Stallgruppe ist es schon hilfreich, allen auf einmal bescheid geben zu können, wenn ein Pferd krank ist oder etwas kurzfristig geändert wird. Oder wenn man mal eben was nachfragen kann (“Wo steht das Mittagsfutter?” >D)

    Man gerät so in diese Dinge rein und kommt schlecht wieder davon los. Prima, dass du dich von all dem befreit hast! Ich bemühe mich, das alles möglichst positiv für mich zu nutzen. Es sind über solche Profile auch schon Treffen zustande gekommen und Freundschaften entstanden. Wenn man es im realen Leben schwer hat, auf Menschen zuzugehen, hilft das Internet schon ein wenig. Nähe muss nicht räumlich stattfinden. Aber ja, ich frage mich auch oft, wie wir das denn früher gemacht haben. Meine Kindheit und Jugend verlief komplett ohne Internet. Wieviel an meinen Kontakten real war, weiß ich trotzdem nicht.

    Huch, das ist jetzt aber schon ein recht langer Kommentar. Ich wollte nur meine Gedanken dazu teilen. Der Datenklau ist auf jeden Fall scheiße!

    Liebe Grüße!
    Yvonne

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