Seit ich mich auf die alten Tage ins interaktive Internet gewagt habe, – web 2.0 sagte man dazu mal bin ich als Alice Wunder unterwegs. FĂŒr meine Generation natĂŒrlich selbstverstĂ€ndlich anonym beziehungsweise pseudonym. 

Dabei hatte ich mir nichts weiter gedacht. Zumindest keine Gender-Verwirrung. Alice im Wunderland steht fĂŒr psychedelische Drogen, in der Szene ein Synonym fĂŒr LSD, ich verbinde eher Pilze damit, Lewis Caroll hatte noch kein LSD. FĂŒr meinen Blog habe ich einen bĂ€rtigen Silent Bob als Konterfei, soweit so eindeutig. In anderen sozialen Medien aber verwendete ich ein Avatarbild mit Jean Moreau und der göttlichen Brigitte Bardot, aus welchen eigentlich klar und eindeutig das mĂ€nnliche Begehren spricht. 

Die meisten Menschen verstehen das. SpĂ€testens wenn ich völlig unbefangen in kumpelhaftem Ton die Konversation fĂŒhre, wissen viele, was los ist. Gibt es eigentlich eine typisch mĂ€nnliche Kommunikation? Scheinbar schon. Frauen wiederum scheint das eher gleichgĂŒltig zu sein.

Es gibt aber auch immer wieder Leute,also MĂ€nner, denen die Phantasie durchgeht. Die denken, sie hĂ€tten die Chatpartnerin zum Pferdestehlen gefunden, mit der sie freimĂŒtig, wie mit einem Mann plaudern können. Nur mit BrĂŒsten dran. Oder worauf sie sonst stehen. Ich fĂŒr meinen Teil jedenfalls steh auf BrĂŒste. Und kann mir nicht Vorstellen, wie die Vorstellungswelt andersgearteter MĂ€nner aussieht, es soll ja angeblich auch welche geben, denen Hintern oder Beine wichtiger sind.

Ich kann nachvollziehen, dass wir alle mitunter von der Kumpelfrau trĂ€umen, mit der man auf Sauftour gehen und fluchen kann. Ich hĂ€tte allerdings nicht gedacht, dass man mit der geschlechtlichen IdentitĂ€t Leute so nachhaltig irritieren kann. In Deutschland ist es doch weit verbreitet sich im Netz nicht mit dem Klarnamen zu bewegen. Aber das Geschlecht scheint fĂŒr manche fest zur Person zu gehören. 

Als Frau jedenfalls wird man ohne ersichtlichen Grund angesprochen. Das hĂ€tte ich mir so nie vorgestellt. Das war ich nicht gewohnt, es macht das Leben angenehmer und einfacher, ich könnte fast neidisch werden. 

Schnell ist Mann bereit, mir mit allen Anliegen zu helfen, im vĂ€terlich-freundlich-beratenden Ton. Schon etwas von oben herab, aber ohne Scheu, wenn die erste HĂŒrde des Ansprechens mal ĂŒberwunden ist. Wir MĂ€nner belauern einander eher, halten Abstand. Wenn Mann aber sich einer Frau gegenĂŒber wĂ€hnt, wird er mit Wissen und Informationen extrem Freigiebig, wie ein Karnevalsprinz mit Bonbons. Bis zu dem Moment der Frage, die ich dann ehrlich beantworte, ich bin ja kein schlechter Mensch, der absichtlich Leute belĂŒgen will. Ich bin ein Mann, 40, verheiratet und ein Kind. Das betretene Schweigen danach kann man durch den Bildschirm spĂŒren. Vor allem das Herauswinden aus der selbst aufgedrĂ€ngten Beraterrolle anschließend ist köstlich. 

Etwas traurig allerdings ist es, wenn man den Punkt verpasst hat, wo man freundlich hĂ€tte sagen können, ich glaube ich bin nicht der die das wofĂŒr du mich hĂ€ltst. Es kommt zu einem leicht genervten Hinhalten, das irgendwie unwĂŒrdig ist. Wenn einem jemand hartnĂ€ckig eine Woche lang um 7 Uhr morgens ĂŒber Instragram einen schönen Tag wĂŒnscht, ist es ein sehr schönes GefĂŒhl, wenn das dann irgendwann vorbei ist, weil er eingesehen hat, dass er so nicht weiter kommt. Ich verstehe die Frauen zwar immer noch nicht, aber manche Situationen kann ich nun nachvollziehen. 

Dann gibt es noch die Begegnungen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen. Dabei fielen mir etliche Afrikaner als ziemlich sympathisch auf. Als Mann schĂ€tze ich klare und direkte Verhandlungstaktik: Are you married? Yes. OK, do you know some friends who aren’t married yet? I will tell if I meet someone. Thank you. Alle Karten sofort auf dem Tisch, kein rumeiern. So sollte zwischenmenschlicher Kontakt immer ablaufen. Angenehm.

Menschen aus ehemaligen britischen Kolonien rund um den indischen Subkontinent allerdings zeigten sich regelmĂ€ĂŸig schwer gestört. Da ist normale Kommunikation nicht möglich, das VerhĂ€ltnis zu SexualitĂ€t und Beziehung scheint sehr, nun ja, naiv zu sein. Das hat auch gar nichts mit der Religion zu tun, da sind Moslems und Hindus gleichermaßen bescheuert. 

Perser dagegen zeigen sich oft hoch gebildet und zivilisiert. Allerdings sind die Geschichten, die sie erzĂ€hlen immer unglaublich traurig. Die handeln von jungen Menschen, denen jegliche Chancen verwehrt werden. Da muss ich immer ziemlich schnell den Kontakt abbrechen, weil ich denen aus Mitleid sonst tatsĂ€chlich jemanden zum Heiraten suchen mĂŒsste. Was zur Zeit mit dem Iran passiert ist schon ein Trauerspiel und sollte eigentlich in einem heiteren, satirischen Blogartikel nicht zur Sprache kommen. 

Aber wie sieht es nun mit Pornobildern oder sonstiger expliziter BelĂ€stigung aus, die es doch angeblich im Internet so hĂ€ufig gibt? Da gebe ich den Takt vor. Durch mein Interesse fĂŒr BDSM ist das Ă€sthetische Niveau gesetzt. Ich zeichne gern mal gefesselte, junge Frauen. Weiter geht das Interesse nicht, da in unserer Ehe sportliche BetĂ€tigung nicht so einen hohen Stellenwert genießt. Auch haben wir beide eher wenig Lust und Zeit, in irgendwelchen HĂ€kelkursen komplizierte, japanische Knotentechniken zu lernen. Aber es ist nett anzusehen. Virtuelle Kontakte mit anderen interessierten zeigten mir dann auch deutlich, dass dieser Status fĂŒr mich ganz angemessen ist. 

Bildliche Bekenntnisse nĂ€mlich ziehen ein gewisses Klientel an. Die Menschen sind nun durchaus nicht unangenehm. Es wird in der Regel ein Ă€ußerst gepflegter Umgang mit eigenen und fremden Begierden gepflegt. Es werden nicht nur zum bloßen VergnĂŒgen meist sehr geschmackvolle Bilder getauscht. Die dienen vielmehr dazu, mit nahezu psychoanalytischer PrĂ€zision die Libido zu vermessen. Ein geradezu intellektuelles Hobby, bei dem man sehr viel ĂŒber sich selbst erfĂ€hrt. So begegnet einem zum Beispiel der devote Möchtegern-Sklave. Dieser nun pflegt sein Talent, einem so penetrant auf die Nerven zu fallen, dass man ihn aus vollem Herzen verprĂŒgeln möchte.

Das VergnĂŒgen einer/s Subs besteht eben nicht nur darin, sich quĂ€len zu lassen, sondern vielmehr umgekehrt den Herrn – oder die Dame -mit pubertĂ€rer Schadenfreude zu quĂ€len und zur Weißglut zu reizen um die ersehnten Strafen zu provozieren. So lernte ich, dass eine SM-Beziehung eben leider nicht nur aus lustvollem VerfĂŒgen ĂŒber willige Körper besteht. Dazu gehört dann leider noch ein aufmerksamkeitshungriger Mensch mit viel Spaß am Unausstehlichsein. Derartiger zwischenmenschlicher Kontakt ist nun wahrlich nichts fĂŒr mich. 

Irgendwann habe ich dann zumindest mein Profilbild geĂ€ndert. Seit dem ist es ruhiger geworden. 

Besucht mich auf meinem Blog und auf Instagram