Der fremde Vater

Du mochtest Bruce Lee Filme, Western, Filme mit Bud Spencer und Terrence Hill, oder mit Louis de Funes. Du hattest oft Bonnie Tyler und David Bowie, gehört, hast viel getrunken und viel geraucht.  Du hattest gern Schnitzel mit Pommes, Bohnen und Pilze.

Im Wald warst du gern, auch oft mit mir, Pilze sammeln. Im Freibad warst du auch oft, bist gern Fahrrad gefahren und hast viel geschlafen. Du hast sogar mal im Hochbett meines Bruders geschlafen, als es damals ganz neu war. Wie ein grosses Kind hast du ausgesehen und in diesem Augenblick begriff ich, dass du  innerlich ein kleiner Junge warst. Gefangen in dem Körper eines erwachsenen Mannes. Ich war ungefähr 12 Jahre alt.

Liebe und Geborgenheit

Du hast grinsend an meinem Schreibtisch gesessen, auf meinem neuen Mintgrünen Schreibtischstuhl, während du auf meinem Mac eine E-Mail geschrieben hast.  Du sahst jünger aus, als bei unserer letzen Begegnung, gepflegt. Deine Haare hatten diesen typischen 80iger Jahre Schnitt, leger, lässig. Als du fertig warst, hast du sie mir vorlesen und wolltest wissen, ob du das so absenden kannst. Ich stand hinter dir, mein Blick auf den Mac gerichtet, hier in meinem Zimmer in Zürich.

„Ja, klar!“ antwortete ich und wir fingen beide an zu lachen; „Nun weiss ich auch von wem ich das habe!“ Wir lachten beide erneut, aus vollstem Herzen. Ich drehte mich weg, lief Richtung Türe, an dir vorbei, aus dem Zimmer. Im Türrahmen stehend, drehte ich mich um und fragte dich, ob du auch ein Eis möchtest.

Das letzte was ich sah, war dein Gesicht, es war entspannt. Weg waren die Spuren deines schweren Lebens. Du hast sehr glücklich und zufrieden ausgesehen. Der Raum war durchflutet von Liebe und Geborgenheit.

Ich wachte anschliessend auf.

Wir haben uns so lange nicht mehr gesehen, doch es war, als wärst du ganz nah bei mir. Als wärst du wirklich bis vor ein paar Sekunden auf meinem Stuhl, in meinem Zimmer in Zürich gewesen. Selten habe ich dich aber so glücklich, so entspannt und losgelöst gesehen, wie in meinem Traum letzte Nacht. Du, du bist mir aber so fremd geworden, nach all den Jahren, dass ich mich nicht mal mehr daran erinnern kann, ob du Eis überhaupt gern hattest.

Letzte Erinnerung an dich

Ich kam Mittags recht verkatert nachhause von einer Party, in einem schwarzen Cocktailkleid. Die vorangegangene Nacht war wild, ich nahm mir Mittags ein Taxi heim. Ich zog nochmals bei meiner Mutter ein, für eine kurze Zeit, nach dem ich meinen Verlobten 2003 verlassen hatte. Sie bestand unbedingt darauf, ich hingegen wusste von Anfang an, dass es keine gute Idee war. Aber zu viele drängten mich zu dieser Entscheidung, es sei ja meine Mutter, das würde schon gut kommen. Kam es nicht.

Mutter hatte dich eingeladen ihr bei irgendwas zu helfen. Du warst aufgebläht, deine Haare waren länger als sonst und fettig, allgemein sahst du nicht gut sondern arg ungepflegt aus. Das hat mich angewidert. Du hast mich angewidert. Ich kann damals und heute kaum verstehen, wie ein Mensch sich so aufgeben konnte. Diese Erinnerung an dich, hatte ich total verdrängt, so wie ich vieles andere verdrängt hatte, was nun an die Oberfläche meines Bewusstseins drängt, mit aller Kraft. Und ich kann nichts dagegen tun. Ich will nichts dagegen tun, denn ich weiss nur all zugut, je mehr ich mich dagegen wehre, desto schlimmer wird alles. Desto dunkler wird alles.

Du hast gefragt was ich getrunken hatte und hast mich ausgelacht als ich es dir sagte. Es war Wodka. Ich habe mich auch ein wenig geschämt, so ein kümmerliches Bild meiner Selbst abzugeben, weil mich mein Verhalten schmerzlich an dein Suchtproblem erinnert hat.

Vaterrolle

Du hast mich, als ich noch alleine mit euch war, mit dir und Mutter, oft mit in den Wald genommen, zum Pilze sammeln. Wir sind sogar miteinander ans schwarze Meer gefahren, in den Urlaub, als Familie. Ich glaube, das war das einzige mal, das du das Meer gesehen hast, aber was weiss ich schon. In den letzten knapp 17 Jahren ist viel passiert, du bist mir fremd geworden. Als ich ungefähr 7 Jahre  alt war, hast du mir Fahrradfahrer beigebracht, ohne Stützräder. Danach war ich so übermütig und stolz, voll Karacho unterwegs,  das ich vor einer Feuerwehreinfahrt umgefallen bin mit dem Fahrrad. So schlimm, dass man mich mit einer recht grossen Schürfwunde am Bein, in der Feuerwehrwache versorgen musste.

Meine ersten Schwimmversuche im Freibad, waren auch mit dir. Du hattest mich ermutigt quer von einem Beckenrand zum anderen zu schwimmen. Du hast mir offen deine Arme entgegen gehalten, auf der anderen Seite und mir gut zugesprochen.  Wir waren noch oft schwimmen, ich bin heute noch eine Wasserratte. Und du hast mir sogar Pokern beigebracht, wir haben damals viel miteinander gelacht.

Es sind diese wenigen, guten Erinnerungen an unserer Zeit, an die ich mich so fest klammere. Auch wenn ich das schlechte deswegen nicht vergesse, was du uns allen angetan hast. Ich kann und will dich einfach nicht hassen.

An meinen fünften Geburtstag hast du mir sogar ein schönes Kleid gekauft, da wir den Fotografen erwartet hatten und Oma mir und meinem mittleren Bruder extra leckere Torten gebacken hatte für unsere Feier.

 

 

Diese ambivalenten Gefühle gerade sind  schwer zu beschreiben, dieser Mix aus Sehnsucht, nach dir, wie du manchmal warst: Liebevoll, Fürsorglich, Lustig. Dann kommt die Wut, darüber, das du dich selber so aufgegeben hast, Vater. Das du für uns nicht stark sein konntest. Und dann schwingt da noch eine gute Portion Mitleid und Mitgefühl mit, denn deine kleine Seele wurde dir als Kind so arg verletzt, das du nicht anders konntest, als der zu sein, der du nun mal warst.

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