20:50 Uhr

Vorgestern Abend, um 20:50 Uhr, verstarb Alexander Marius Deme, geboren am 10.09.1958, in Alba Julia – mein Vater. Er verlor den Kampf gegen Krebs. Er ist nun erlöst, von der Bürde seiner schweren, lieblosen Kindheit, die ihn zu einem Tyrannen werden liess. Erlöst vom Schmerz & dem Leid, dass er sich und anderen zufügte.

Ich erfuhr von seinem Krebsleiden vor knapp einem Monat. Lange habe ich überlegt ihn zu besuchen, mich informiert, auch über seine andere Krankheit. Bei ihm wurde Schizophrenie vor Jahren  diagnostiziert. Doch ich verwarf den Gedanken ganz schnell, als ich von meinem Bruder erfuhr, was für sein egoistischer, selbstbezogener Mensch er war. Oder war das die Krankheit? Wer war dieser Menschen, mein Erzeuger eigentlich?  Ich werde es wohl nie erfahren. Und das ist auch gut so.

Ich bereue es nicht, das ich nicht mehr hingegangen bin. Denn nur weil ich verziehen habe, bedeutete es nicht, dass er ein anderer Mensch wurde. Gestern Nacht flossen trotzdem Krokodilstränen, Stundenlang. Denn er war innerlich noch ein Kind, das nie Liebe erfahren hatte. Nie gelernt hat, was Liebe bedeutet. Das machte aus ihm den Menschen, der er war. Sicher, er hätte die Chance gehabt es anders zu machen, aber nicht jeder ist stark genug sich aus den Mustern der Kindheit zu lösen. Sich von Schuld und Scham zu befreien. Oder an sich zu arbeiten.

20:01 Uhr

Kennt ihr das, wenn ihr in Tagträumen versinkt und irgendwo hin starrt? So ging es mir damals, in der vierten Klasse, kurz vor dem Schullandheim. 20:01 zeigte damals die Uhr auf dem Videorecorder. Meine Mutter war nicht da, sie war mit meinen Brüdern nach Rumänien vor ihm geflüchtet. Wir waren also alleine. Denn Marius, wie ihn alle nannten, war Gewalttätig. Gegen sie, gegen mich und meine Brüder. Als ich zurück kam, wohnte er woanders, er zog in dieser Zeit einfach um, das erfuhr ich und meine Lehrerin, von einem Nachbarn, als wir ahnungslos vor der alten Wohnung standen.

Zwei Nächte später machten wir uns auf den Weg zu meiner Mutter, mit dem Zug über Budapest, nach Rumänien. Als wäre es gestern gewesen, erinnere ich mich an diese Zugfahrt.  Er küsste mich innig auf den Mund und sagte mir, wie erleichtert er wäre, das wir nun zu meiner Mutter fuhren, ich schlief mit dem Kopf auf seinem Schoss im Zugabteil ein, er legte zärtlich seine Hände auf mich. Wie ein schützender Mantel. Ich fühlte mich sicher und beschützt, von diesem unzulänglichen, emotional abwesendem Mann.

Als wir ankamen in Deva,  musste an der Türe klingeln bei meiner Oma, die mittlerweile auch verstorben ist. Denn dort versteckte sich meine Mutter vor ihm,  und ich musste an der Türe klingeln, weil er sich nicht traute. Das zeigt mir auch seine infantile, unreife Seite. Das alles begriff ich erst Jahre später.  Wie er wirklich war. Opfer und Täter zugleich. Eine Nacht später nahm er meine Mutter mit ins Hotel, wo er sie grün und blau schlug, weil sie weggelaufen war, mit “seinen” Jungs, die er heiss und innig vergötterte.

Auf der Suche nach sich und seinem Platz

Das war er auch, auf der Suche. Ein Mensch der sich suchte. Er der sich sehnte, wie jeder andere Mensch, nach Liebe, nach Anerkennung und Zuneigung. Aber nie gelernt hat es zu geben.  Auf der Suche nach dem Zuhause, das er niemals hatte. Auf der Suche nach Schutz, Zugehörigkeit und Anerkennung, die er nie in seiner Kindheit und auch später nicht genoss. Du warst jemand, Vater, einer der vor sich selber weg lief. Um sich und der Welt zu entkommen. Einer Welt, in der du dich nie zugehörig fühltest.

Der Tyrann

Doch dann sehe ich Bilder aus der Vergangenheit. Bilder die mich nicht loslassen, Bilder eines Tyrannen. Wie er meine Mutter schlägt, wie er auch auf mich losgeht, weil er mir seine Macht beweisen wollte. Wie er meinen mittleren Bruder zwischen Wand und Tisch einklemmt oder ihn gegen die Wand wirft. Er war damals vielleicht mal 4 oder 5 Jahre alt.

Ich sehe dich, Vater wie du uns bedrohst, meine Mutter anschreist, wie sie dich anschreit. Ich erinnere mich wie du uns mit wenig Lebensmitteln in der Wohnung eingeschlossen hast. Oder alle Bilder unserer Kindheit zerissen hast, als würdest du uns auslöschen wollen und die gemeinsame Vergangenheit.

Es ist so tragisch, so traurig, es macht mich irgendwo auch noch wütend. Doch du, Mutter und du, ihr wart zwei kaputte Menschen die aufeinander trafen, und sich gegenseitig und ihre eigenen Kinder kaputt machten. Ich weiss, von deinem Schlag gegen ihren Bauch als sie Schwanger war, damit sie mich, das Kind in ihrem Bauch verliert, doch ich war stärker als deine Faust. Ich war stärker als deine Hand, als sie gegen meine kindliche Backe schlug, weil ich nicht schlafen wollte. Ich war und bin stärker, als ihr zwei zusammen.

Es ist anders, als ich dachte

Ich habe mich immer gefragt wie es wohl sein würde, wenn er nicht mehr ist. Wir haben uns ja schliesslich 17 Jahre nicht mehr gesehen. Ich dachte, es würde mich weniger belasten, wegen dieser räumlichen und zeitlichen Distanz. Doch das war ein Trugschluss. Es ist so total anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe viel geweint, letzte Nacht. Viele Bilder aus der Vergangenheit kamen zurück. Bilder von glücklichen Tagen, als er mir schwimmen beibrachte, oder Fahrradfahren, Bilder von uns im Wald, beim Pilze sammeln.  Erinnerungen an den einzigen Urlaub den wir miteinander verbrachten, am Schwarzen Meer, bevor meine Geschwister auf der Welt waren. Oder unsere gemeinsamen Pokerabende.

Ich habe geweint, sehr. Geweint um das Kind in dir, das innere Kind, das einsam und verlassen starb. Ich habe Mitleid mit dir und fokussiere ich auf die schönen Erlebnisse, denn die gab es eben auch, neben all dem Drama.  Du warst einfach nicht stark genug, das was man dir angetan hat als Kind hinter dir zu lassen. Und ich musste mich schützen um nicht mit dir unterzugehen.

Mein mittlerer Bruder und ich haben heute ein Bestattungunternehmen beauftragt seine Leiche einzuäschern. Ich werde sie dann persönlich von Deutschland in die Schweiz überführen in ein paar Wochen. Er bekommt nun das Zuhause, das er nie hatte.

 

2 Antworten auf „20:50 Uhr“

  1. Liebste Paula,
    ich bin sehr ergriffen und tief berührt von Deiner Offenheit und Deinen liebevollen Worten.
    Zunächst möchte ich Dir meine Hochachtung vor Dir als Tochter, Schwester und als Mensch aussprechen!
    Auch Deinen Brüdern gilt mein tiefes Mitgefühl ( ich möchte nicht Beileiden sondern Mitfühlen) .
    Wie schwer muss das sein für Euch.
    Ich umarme Euch fest und schicke Euch Kraft!
    Es ist nun geschehen…..Dein Vater, Euer Vater, der Schrecken Eurer Kindheit und auch der zweitwichtigste Mensch aus Eurer Kindheit ist gegangen.
    Vermutlich einsam und verzweifelt. Krank von einem Leben mit einer offenbar traumatischen Kindheit, einem Leben in dem er es nicht vollbracht hat, sich in Heilung zu bringen und zu verhindern, dass das Gift welches Gewalt in unseren Zellen auslöst endlich ausgeleitet wird.
    Die Liebe ist die tragendste und größte Kraft.
    Davon schicke ich Euch ganz viel!
    Ganz nah in Gedanken aus Berlin *

    1. Liebe Karo,

      danke für deinen lieben Worte. Die letzten zwei Tage waren richtig hart. Doch der Gedanke ihn bald bei mir zu haben mildert die Umstände. Er hat nun Ruhe und Frieden und keine Schmerzen mehr. Er bekommt nun den Frieden und das Zuhause das er niemals hatte. Er kommt an Plätzen, die er gern hatte und wird hier liebevoll aufgenommen. Und ja, ich denke auch, dass er einsam und verzweifelt gestorben ist. Und weine um den kleinen Jungen in ihm, der er irgendwie immer geblieben ist. Ganz viele Bilder wurden wieder wach, Bilder aus der Vergangenheit. Gute und Schlechte, doch es überwiegt dieses tiefe Verständnis und der Frieden den er nun haben muss, erlöst von alle dem.

      Liebe Grüsse,

      Paula

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .