Wenn eine Mutter streikt

Magst du dich vorstellen bitte?

Ich bin Claire, 43 Jahre alt, Bloggerin, Care-Aktivistin, sowie Mama von 2 Jungs (3 und 10 Jahre alt).

Anmerkung: Claire führt den Blog: https://www.mamastreikt.wordpress.com

Du bloggst ja erst seit einem,  halben Jahr, was hat dich dazu bewegt?

Das war eine Mischung aus Ärger über die Umstände, in denen ich als alleinerziehende Mutter meine Kinder großziehen muss, gepaart mit dem Gefühl durch das bloggen selbst wirksam sein zu sein und den Umständen so nicht mehr 100%tig ausgeliefert zu sein.

Wie hast du dich gefühlt, nach dem die Kinder bei der Pflegefamilie waren? Wie kam es überhaupt dazu?

Ich habe mich als absolute Versagerin gefühlt, als meine Kinder in der Pflegefamilie waren. Auf der anderen Seite war es eine große Erleichterung einfach mal wieder durchschlafen zu können, was mit meinem 8 Monate alten Sohn vorher gar nicht mehr möglich war. Das war eine große Belastung, weil ja kein Partner da war, der einem mal eine Nacht abnimmt.

Ich bin in diese Überforderung hineingeraten, weil ich mit 39 Jahren nochmals ungeplant ein Kind bekommen habe, nachdem ich schon 5 Jahre mit meinem Großen (damals 6) alleinerziehend war. Im Prinzip musste ich von Anfang an davon ausgehen, dass der Vater vom Kleinen nicht mit uns zusammenleben wird. Da ich kein stabiles familiäres Netz hatte, war es natürlich eigentlich Wahnsinn, diesen Weg zu gehen. Aber ich hätte auch keine andere Entscheidung treffen können.

Es war mein Kind, von der ersten Sekunde an, als ich erfahren habe, dass ich schwanger bin. Ich habe mir dann bereits in der Frühschwangerschaft Hilfe gesucht in einer Schwangerenberatungsstelle. Hier hatte ich dann bis der Kleine 2 war auch regelmäßig Gespräche, jedoch können die auch ein fehlendes soziales Netz nicht ersetzen. Da ich immer berufstätig war mit dem Großen, hatte ich nie Zeit, mich um Kontakte mit andern Müttern zu kümmern. Mich hat das Arbeiten, die Fürsorge für meinen Großen und der Haushalt so eingenommen, dass einfach keine Kraft mehr für Kontaktpflege da war.

4. Wie war das für dich, mit den Kommentaren umzugehen nach deinem „Outing“ die Kinder weg gegeben zu haben? Wie ging dein Umfeld damit um?

Mein nahes Umfeld ging zumindest nicht verurteilend damit um. Es gab zwei Freundinnen, die es gleich erfahren haben und sicherlich mit mir mitfühlten, jedoch mehr, darüber hinaus gab es nicht (z. B. Hilfsangebote). Die Leute haben ja alle ihr eigenes Leben. Das war für mich damals verständlich, aber ich hätte mir natürlich sehr Hilfe von außen gewünscht. Die gab es nicht und das auszuhalten und meine Umwelt dabei nicht zu hassen, dass war hart und schmerzhaft.

Am schlimmsten war jedoch für mich der Umgang im Kinderhort mit der Situation. In Schule / Hort / Kindergarten wissen die Fachkräfte immer, was bei uns los ist in der Familie. Mir ist das sehr wichtig, ich halte hier sehr bewusst Kontakt, denn wie sollen Fachkräfte (Lehrer, Erzieher), mein Kind einschätzen, wenn sie nicht wissen, wie es zu Hause ist. Daher habe ich damals im Kinderhort auch ganz klar gesagt, dass der Große vorerst in eine Pflegefamilie kommt, weil ich mit meiner Kraft am Ende bin. Meine Offenheit wurde jedoch nicht mit Interesse und Anteilnahme beantwortet, sondern im Prinzip mit Schweigen.

Die Einrichtung hat beispielsweise im Jugendamt angerufen und nachgefragt, ob der Platz für den Großen noch gebraucht wird. Etwas irritiert bat mich das Jugendamt, die Sache mit dem Hort zu klären. Ich hatte meine Kinder ja weggegeben, weil ich ausgebrannt war, dass Sorgerecht war daher weiterhin bei mir. Meine Kinder wurden mir nicht weggenommen! Das ist ein großer Unterschied. Das Sorgerecht wird einem erst dann entzogen, wenn eine sog. Kindeswohlgefährdung vorliegt.

Dies sollten Fachkräfte wissen, vor allem, wenn man offen über die familiäre Situation spricht. Ich fand das Verhalten extrem unprofessionell und es zeigt, dass Überforderung einfach nicht vorgesehen ist. Mir wurde später von der Einrichtung mitgeteilt, dass man mich nicht stören wollte, weil es mir so schlecht ging. So ein Quatsch. Eine Mutter, die ganz offen mit einer Situation umgeht, die kann man doch dann auch fragen, wenn eine Frage auftaucht.

Du bist ja alleinerziehend, wie kann man sich das Leben so vorstellen mit 2 Kindern?

Alleinerziehend sein heißt ein Leben auf dem Drahtseil zu führen. Nur das der Drahtseilkünstler irgendwann „drüben“ am Ende des Drahtseils ankommt. Als Alleinerziehende, hat mein Drahtseil jedoch kein Ende. Es gibt viele schwierige Aspekte in unserem Leben. Da ich immer für alles alleine zuständig bin, gibt es niemanden, der mich mal entlastet und das ist vor allem über die vielen Jahre, bei mir sind es mittlerweile 9, unglaublich anstrengend.

Erschwerend kommt der finanzielle Aspekt dazu. Ich arbeite seit 2008 freiberuflich oder befristet in der Erwachsenenbildung mit Langzeitarbeitslosen und Flüchtlingen. Immer wenn ein Arbeitsvertrag ausläuft und man als 2-fache, alleinerziehende Mutter wieder auf Jobsuche gehen muss, fängt der finanzielle Horror von vorne an.

Durch diese Unterbrechungen in der Erwerbsarbeit aufgrund der Befristungen, kann man sich über die Jahre kein finanzielles Polster schaffen. Im Prinzip habe ich dann große Angst davor, nicht erst im Alter arm zu sein, sondern schon mit meinen Kindern und das wäre für mich als Mutter noch viel schlimmer als Altersarmut, weil es hier auch noch um meine Jungs geht.

Meine Kinder haben einen Altersabstand von 7 Jahren, dass war vor allem die ersten 2,5 Jahre sehr schwierig für mich. Der Große musste da viel zurückstecken, weil die Bedürfnisse von einem Säugling einfach Priorität haben. Das hat mich manchmal innerlich fast zerrissen. Mittlerweile ist der Kleine 3, da geht es mit der Vereinbarung der Bedürfnisse der beiden Jungs einfacher.

Findest du es gibt genug Hilfen / Möglichkeiten für alleinerziehende?

Es gibt viel zu wenig niedrigschwellige Hilfen für alleinerziehende Mütter und Väter. Es ist einfach im Bewusstsein der Gesellschaft nicht vorgesehen, dass Eltern überlastet sein können, auch nicht bei Eltern, die noch zusammen sind (die können das nur u. U. leichter kompensieren).

Man hat als alleinerziehende/r Mutter/Vater, ganz oberflächlich ausgedrückt, bei den Hilfen die Auswahl zwischen einer Mutter-Kind-Kur (gib es für alleinerziehende alle 2 Jahre, für alle anderen alle 4 Jahre) und dem Gang in die Erziehungsberatungsstelle.

Da ich selbst seit 3 Jahren in die Erziehungsberatungsstelle gehe und zweitweise, während Schwangerschaft und der ersten zwei Lebensjahre des Kleinen parallel noch zur Schwangerenberatungsstelle gegangen bin, kann ich sagen, dass einem die Gespräch helfen dabei den Familienalltag mit seinen Problemen zu reflektieren, konkrete Hilfe im Sinne von „anpacken“ ist es jedoch nicht.

Man steht eben mit allem alleine da, was die Kinder, den Haushalt und die finanziellen Belange betrifft und das ist unheimlich Kräfte zehrend über die Jahre.

Müsste man Väter stärker in die Pflicht nehmen?

Also gesetzlich ist es so, dass Richter sagen, man kann einen Vater / eine Mutter nicht zum Umgang mit seinem / ihrem Kind zwingen, auch dann nicht, wenn er/sie ein Sorgerecht hat. Das finde ich schon unglaublich. Letztendlich lässt die Gesellschaft aber dieses Vorgehen auch moralisch zu.

In unserem Fall ist das so, dass die Väter Unterhalt zahlen (immerhin, wofür ich auch dankbar bin), meine Söhne jedoch darüber hinaus auch erzogen werden müssen. Geld alleine hilft Kindern ja nicht, sie brauchen den Umgang mit vielen Bezugspersonen. Da der Vater von meinem Großen über 300 Kilometer weit weggezogen ist, hat er sich außer an den Umgangswochenenden nicht mehr um ihn gekümmert seit er 2009 ausgezogen ist (2013/2014 gab es auch ein Jahr, in dem er ihn gar nicht gesehen hat, ohne Angabe von Gründen).

 

 

Das geht nicht. Väter / Mütter, die ein Sorgerecht haben, müssen auch in die Pflicht genommen werden, was die Erziehung anbelangt.

Überall hört man, dass sich Väter mehr beteiligen sollen im Haushalt und in der Erziehung und Frauen mehr abgeben sollen. Im Fall einer Trennung sagt jedoch das neue Unterhaltsrecht von 2008, dass einem ab dem 3. Lebensjahr Vollzeitarbeit zuzumuten ist. Wenn sich der Vater dann ansonsten gar nicht in die Erziehung mit einbringt trotz gemeinsamem Sorgerecht und man alles alleine machen muss, ist das sehr, sehr viel Arbeit bzw. kann zu viel an Anforderungen für einen Menschen alleine sein.

Was müsste die Politik tun, damit alleinerziehende mehr Unterstützung bekommen?

Als erstes bräuchte es einen Hilfeplan für Trennungssituationen. Eine Trennung ist vergleichbar mit dem Tod von einem nahestehenden Menschen und das darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden, vor allem, wenn Kinder da sind. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass alle beteiligten professionellen Stellen (Jugendamt, Beratungsstellen, Richter) geschult sind im Umgang mit Trennung / Scheidung.

Ich möchte als Beispiel Richter nehmen, sie benötigen keinerlei Erfahrungen oder Zusatzausbildung um am Familiengericht zu arbeiten (im Gegensatz zum z.B. Insolvenzgericht, hier wird eine Zusatzausbildung vorausgesetzt). Das sind zum Teil hochkomplexe Fälle, die man einem Berufsanfänger ohne zusätzliche Weiterbildung in z. B. Psychologie nicht allen Ernstes in die Hand geben kann. Fehlentscheidungen sind vorprogrammiert.

Es gibt immer mehr Berichte über Kinderarmut. Das jedoch arme Kinder, arme Eltern habe wird dabei gerne übersehen. Wie soll jemand, der wie ich, 10 Jahre befristet arbeitet, eine solide finanzielle Grundlage bilden? Wenn es keine befristeten Arbeitsverträge geben würde, hätte ich nach der Geburt von meinem Kleinen einfach zurück gekonnt auf den Arbeitsplatz. Das wäre eine große Erleichterung gewesen. Solche Sicherheiten hat die Politik in Deutschland jedoch im Prinzip abgeschafft.

In diesem Zusammenhang ist ganz wichtig, dass Unterhalt, Unterhaltsvorschuss und Kindergeld auf Hartz-4-Leistungen zu 100 % angerechnet wird. So lange das so ist, brauchen wir uns nicht wundern über die zunehmende Kinderarmut. In der Praxis heißt das, dass der Vater, der rechtmäßig für sein Kind Unterhalt bezahlt, zwar finanziell für sein Kind sorgt, dies aber bei dem Kind nicht ankommt, weil es als Einkommen auf den Hartz-4-Satz angerechnet wird.

Anders ausgedrückt hat das Kind, dass Unterhalt bekommt, nicht mehr Geld zur Verfügung, als ein Kind, dass keinen Unterhalt bekommt, so lange die Mutter/der Vater im Hartz-4-Bezug ist. Das ist schon ein Wahnsinn finde ich und hier braucht es dringend eine Änderung dahingehend, dass Unterhalt, Unterhaltsvorschuss und Kindergeld nicht auf Transferleistungen angerechnet werden.

Des Weiteren müsste das Unterhaltsrecht, dass seit 2008 vorsieht, dass einer Mutter / einem Vater Vollzeitarbeit zuzumuten ist ab dem 3. Lebensjahr abgeändert werden. Kinder haben auch Bedürfnisse und sie benötigen gerade, wenn Eltern alleine erziehen auch ein zu Hause. Fremdbetreuung kann ja immer nur als Ergänzung zur Familie angesehen werden und diese nicht ersetzen. Ich habe meinen Großen unlängst gefragt, wie es für ihn wäre, wenn er bis 20.00 Uhr oder 22.00 Uhr in den Hort müsste (wie das aktuell Politiker fordern), damit ich arbeiten gehen kann.

Er fand den Gedanken schrecklich und war natürlich dagegen. Was Kinder von solchen Forderungen halten, fragt aber keiner. Ich wüsste gar nicht, wann ich, wenn ich VZ arbeiten gehen würde, mit den Kindern zum Arzt gehen sollte, zum Friseur, Geburtstagsgeschenke besorgen usw. Ich kann mir die Arbeit ja nicht mit einem Partner teilen.

Ein weiterer wichtiger Punkt wäre, dass man einfach und unbürokratisch eine Haushaltshilfe bekommt, wenn man überfordert ist und nicht erst, wenn man schon krank ist. Wir brauchen in diesem Bereich viel mehr Prävention.

Auf deinem Blog habe ich gesehen, dass du dich für die „Carearbeit“ stark machst unter dem #Carearbeitmusssichtbar werden, wie kam es dazu?

Ich habe im Mai 2017 eine Petition ins Leben gerufen für Eltern und pflegende Angehörige für ein Fürsorgegehalt mit allen Sozialleistungen, da die Sorge für einen anderen Menschen nicht in die Armut führen darf, weder heute, noch im Alter.

Aus diesem Engagement heraus ist der Netzprotest unter dem Hashtag # carearbeitmusssichtbarwerden entstanden im November 2017. Ich hatte dazu aufgerufen in Rahmen eines Blogartikels. Vielen Menschen ist nicht klar, dass Kinder erziehen sowie kranke Angehörige / kranke Kinder zu pflegen, heißt, einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. In unserer heutigen Bewertung zählt nur Erwerbsarbeit als Arbeit und Fürsorgearbeit ist privat. Wir brauchen hier viel mehr Bewusstsein. Fürsorgearbeit ist die Grundlage unserer Gesellschaft, denn kein Mensch kann ohne Fürsorge leben und am Anfang und am Ende unseres Lebens brauchen wir besonders viel Fürsorge.

Im Februar 2018 habe in nun mein Interviewprojekt „Care eine Stimme geben“ ins Leben gerufen. Ich schreibe hier über Menschen, die wichtige private Care-Arbeit leisten, damit dies immer mehr sichtbar wird in der Gesellschaft.

Was würdest du dir in Zukunft wünschen?

Ich würde mir persönlich für unser Leben wünschen, dass wir eine sichere finanzielle Existenz haben, dass wäre meine oberste Priorität.

Gesellschaftlich wünsche ich mir, dass Fürsorge ins Zentrum unserer Gesellschaft rückt, damit wir irgendwann sagen können, wir leben in einer solidarischen Gesellschaft.

 

Den ersten Blogbeitrag, wo es um die Situation geht in der sie ihre Kinder fremdplatzierte, findet ihr hier.  Vielen Dank, Claire, für das offene und spannende Interview!

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