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#MeToo

Ich war 14 Jahre alt als ich zum ersten mal belĂ€stigt wurde. „Entweder du fickst mit mir, oder ihr steig aus!“ Abends, um 21 Uhr, in einem Auto, mitten im Wald. Er schien nett, wir wollten abends mit ihm, meiner Freundin und seinem Kumpel was trinken gehen. Doch zu dem kam es nicht. Wir steigen aus und liefen im Regen nachhause. Knapp 4. Stunden. Ohne dicke Jacken. Im November.

Er vergewaltigte ein paar Wochen spÀter ein MÀdchen auf einem Parkplatz, nahe einer Disko und wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

Ich war 16 Jahre alt als mich ein Junge gegen meinen Willen anfasste. Wir hatten unsere Abschlussfeier und ĂŒbernachteten im Schrebergarten eines MitschĂŒlers. Es wurde viel getrunken, ich schlief in einem Zelt ein. Wachte auf, da war meine Hose offen, mein T-Shirt hochgezogen und seine Hand in meinem Höschen. Es war ein MitschĂŒler, der dachte, es sei ok, mich anzutatschen. Wir verstanden uns nicht mal sonderlich gut, all die Jahre die wir zusammen in einer Klasse waren, aber er meinte das sei ok.

Mit 17 Jahren griff mir ein Mann mitten auf der Strasse zwischen die Beine, als ich mit meiner Freundin unterwegs war. Ich hatte einen Wintermantel an und eine Hose.

Mit 17 Jahren erzĂ€hlte mir auch die Direktorin in der Schule (Bayern) in der ich die Kleinkinderzieherin Ausbildung genossen habe, dass ein Knielanger Rock offenherzig ist und fragte mich fĂŒr wem ich mich so offenherzig prĂ€sentiere. Wir hatten 2 MĂ€nner an der Schule. Unter 600 Frauen.

Mit 26 Jahren vergewaltigte mich mein damaliger Typ. Wir waren betrunken und er wollte Sex. Ich sagte zwar Nein, aber er ging nicht weiter darauf ein. Es war in der Wohnung meines besten Freundes in Deutschland, wo wir beide zu Besuch waren. Vor lauter Scham und auch um die Stimmung nicht zu zerstören, sagte ich nichts am nĂ€chsten Tag. Wohl auch aus UnglĂ€ubigkeit, dass es ĂŒberhaupt so weit kam. Mein damaliger Typ wollte bis zum Schluss von Vergewaltigung nichts wissen, ich wĂŒrde mich ja sonst auch nicht so zieren und er dachte ich mache Spass. Nee, ist klar. Sehr oft Nein sagen, ihn wegschieben und mich wehren klingt nach extremen Spass, oder? Alles in allem habe ich ihn mir irgendwann mir mit Gewalt vom Hals geschafft. Weil es nicht anders ging.

Zwischen alle den Jahren wurde ich fast jedes Weekend von irgendwelchen Typen in Clubs dumm angemacht, angetatscht oder anderweitig belĂ€stigt. Einige habe ich geschlagen und es bliebt nicht nur bei einer Ohrfeige, oder ihnen als Dank fĂŒr das Anfassen ohne zu Fragen an die Eier gefasst und das wenig zart. Mich auch verbal zur Wehr gesetzt oder verbale Attacken und „Cat calling“ weitgehend ignoriert.

 

Ich bin eher die Ausnahme

Viele Frauen trauen sich nicht, aus Angst vor Victimblaming den Mund aufzumachen oder sich gar mit allen Mitteln zur Wehr zu setzen. Viele halten sexuelle BelĂ€stigung und Co auch fĂŒr Bagatellen und „das muss man wohl noch aushalten können“ oder „ist doch nicht so schlimm“ Deswegen ist es umso wichtiger nun unter dem Hashtag #MeToo ein Zeichen zu setzten. Missbrauch, BelĂ€stigung, Sexismus und Co sichtbar zu machen. Ich bin kein Einzelfall.

Gerade als ich in der Gastro am Weekend unterwegs war in DE und Ibiza waren BelĂ€stigungen an der Tagesordnung. In der Schweiz hielt sich das noch zum GlĂŒck in Grenzen, ich habe aber auch schon anderes gehört, bzw. gelesen. 

Mit welchem Recht lehnt man sich so aus dem Fenster? NatĂŒrlich war ich, wenn ich dann mal eskalierte und um mich schlug die hysterische. Letztens meinte auch ein bekannter zu mir, er tippe bei mir auf Borderline, weil ich den Typen der mich vergewaltigt hat wirklich vermöbelt hatte. Warum das ganze passierte hat natĂŒrlich nicht sonderlich interessiert.

Ich war einfach die verrĂŒckte die um sich schlug. Dass er mich emotional erpresse ĂŒber Monate, selbst nach der Trennung und nicht nur einmal drohte sich umzubringen oder von seinem Drogenproblem, oder seinem geistigen Zustand, dass wusste niemand. Jetzt kann man sagen selber schuld…Aber wer von meiner Kindheit weiss, kann dann 1 und 1 zusammenzĂ€hlen. Ich habe lange gebraucht um mich von solchen Menschen und der Co. AbhĂ€ngigkeit zu distanzieren. Gerade, weil ich es Zuhause so beigebracht bekommen habe und dachte ich mĂŒsste mir Liebe verdienen und mĂŒsste im Namen der Liebe auch alles aushalten was man mir antut.

 

Wer schweigt ist Teil des Problems

Nicht nur MĂ€nner, auch Frauen machen andere Frauen runter. Ob es nun eine offene gelebte SexualitĂ€t ist fĂŒr die man dann als Schlampe oder Hure tituliert wird, oder ein das Single Leben. Anscheinend fĂŒhlen sich manche besser, wenn sie andere denunzieren und ihre Entscheidungen oder ihr Leben verurteilen. Das muss aufhören.

Wenn Frauen schon unter sich nicht zusammen halten, dann weiss ich beim besten Willen nicht wer es tun sollte. Auch das Victimblaming ist unter Frauen sehr beliebt. Warum? Es könnten genau die Frauen die andere verurteilen „selber schuld zu sein“ am nĂ€chsten Tag das Opfer werden. Oder ihre Kinder. Denn meist passiert Missbrauch in der Familie. Nur, dass wird dann unter den Teppich gekehrt. Sagen diese Damen (und Herren) dann auch zu ihren Kindern: „Selber schuld!“?

 

Nein, es ist nicht der AuslÀnder

Gern hört man dann die rechte Ecke skandieren, wir hĂ€tten uns das Problem der BelĂ€stigung, Vergewaltigung und Co selber ins Land geholt. Doch ich verrate euch was: Ich habe in einem FlĂŒchtlingsheim gewohnt, spĂ€ter hier in der Schweiz, ein Jahr, jede Woche ein paar Stunden Deutsch unterrichtet. Und es waren nicht diese Menschen, die mich belĂ€stigt haben, es waren „Freunde“ „Bekannte“ „Partner“  oder eben deutsche. Ja, auch deutsche belĂ€stigen Frauen! Es war nie jemand aus dem FlĂŒchtlingsheim. Und die Thematik war schon aktuell, bevor die FlĂŒchtlinge kamen, es wurde einfach nur nicht darĂŒber gesprochen.

 

Habt ihr auch solche abscheulichen Erfahrungen machen mĂŒssen?

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6 Kommentare

  1. D. says:

    Liebe Paula,

    ich melde mich auch mal zu Wort. ZunÀchst bin ich immer noch fassungslos, was frau sich alles gefallen lassen muss, weil MANN alles wie eine Einladung versteht.

    #metoo: Ich bin auch ein Opfer. Ich war zehn Jahre alt, mein Cousin 13. Er war damals bei uns zu Besuch (er kam aus der CSSR). Damals versuchte er mehrfach mich zu vergewaltigen, wenn meine Eltern nicht zuhause waren. Ich kratzte und schrie (dann hielt er mir den Mund zu) und kĂ€mpfe. Aber war stĂ€rker, als ich und war mich zu Boden und versuchte sein G**** in meine V***** zu stecken, was ihm zum GlĂŒck nicht gelang.

    Ich offenbarte mich meinen Eltern, der unliebsame Gast durfte noch lÀnger bleiben. Erst, als er mir im Beisein meiner Eltern eine schallende Ohrfeige verpasste (wegen einer Nichtigkeit), wurde er nachhause geschickt.

    Aber auch dort wurde alles totgeschwiegen, er wurde nur mit dem erhobenen Zeigefinger getadelt. Als ich 18 Jahre alt, hĂ€tte ich ihn anzeigen können, ohne Angst zu haben, dass die Tat verjĂ€hrt wĂ€re, ich wurde so stark von allen Seiten eingeschĂŒchtert, dass
    ich es ließ.

    Mein Cousin grĂŒndete eine Familie (spĂ€testens dann hĂ€tte auch mein Vater seiner schwangeren Freundin und spĂ€teren Frau reinen Wein einschenken dĂŒrfen, tat er aber nicht im Gegenteil.

    Der Sohn meines Cousins wurde geboren, erhielt MEINEN Vornamen in anderer Schreibweise (trage einen Vornamen der sowohl mĂ€nnlich, als auch weiblich sein kann), zum Dank fĂŒr die ersten „Reitversuche“ und damit er sich bei meinem Vater wieder einschleimen konnte. Mit Erfolg: der kleine „Champignon“ wird von allen Seiten wie ein Pascha umsorgt und das mit sieben (!!!) Jahren.

    SpĂ€ter meinte meine Mutter, frau sei immer schuld, wenn MANN sich an ihr vergeht. Heute nennt sich mich „Schlampe“ und „Hure“, obwohl ich nichts von alledem bin. Sie war wiederum auch öfters Opfer geworden, aber allein durch ihre NaivitĂ€t.

    Mit 18 Jahren versuchte mich ein Urlaubsflirt (Tunesier) zu vergewaltigen, als ich ihn eine Ohrfeige gab, war er verdutzt und ließ von mir ab.

    Danach beschimpfte er mich von anderen HotelgÀsten als Flittchen, aber das war mir egal.

    Ich habe ĂŒbrigens auf meiner RĂŒckfahrt nach meinem Urlaub auch bzgl. sexueller BelĂ€stigung im Internet einen tollen Artikel in der dĂ€nischen Metro gefunden, den ich Dir in der kommenden Woche gerne ĂŒbersetzen und mailen möchte.

    Dir, liebe Paula, weiterhin viel StĂ€rke und liebe sonnige GrĂŒĂŸe in die Schweiz,

    Deine D.

    1. Paula Deme says:

      Hallo D.

      Das ist ja abscheulich was ich da lese. Tut mir leid, was dir zugestossen ist. Ich weiss auch gar nicht so recht was ich dazu sagen soll.
      Ja, Frau ist ja immer schuld, statt die Schuld bei den MĂ€nnern zu suchen.

      Heute erst las ich einen Artikel von einem Stadtbekannten Blogger der gegen die „Harveys in ZĂŒrich“ skandiert. Ja, dumm nur, dass ich mich mal mit ihm getroffen habe, er mir eine Jobmöglichkeit vorstellte bzw anbot und darf hin fragte, ob ich nicht Lust hĂ€tte auf eine lockere AffĂ€re. Er ist verheiratet. Ich sagte nein. Seinen Beitrag empfinde ich als schallende Ohrfeige. Denn wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Bin immer noch am ĂŒberlegen, da einen Gegenbeitrag im Stadtmagazin zu veröffentlichen.

      Besten Dank fĂŒr deine MĂŒhe wegen des Artikels! <3

      Auch dir weiterhin viel StĂ€rke und sonnige GrĂŒsse aus der Schweiz,

      Paula

  2. Ich habe gerade deinen Blog abonniert, mir gefĂ€llt, dass du „Themen“ ansprichst – was man so nicht sagen darf. Dein Beitrag hier hat mich absolut geschockt und ich weiß nicht, was man in der Situation am besten sagt/schreibt. Ich bin 23 Jahre alt und kann mich glĂŒcklich schĂ€tzen, NIE so eine Erfahrung gemacht zu haben. Klar, Cat Calling kennt jede Frau, aber das ist ja fast das geringste Übel. Ich hoffe, dass ich auch weiterhin nie in diese schreckliche Lage gerade und ich wĂŒnsche dir alles gute und ganz viel StĂ€rke fĂŒr die Zukunft! Liebe GrĂŒĂŸe, Isabelle

    1. Paula Deme says:

      Hallo Isa! Danke fĂŒrs abonnieren. Kein Problem, ich kann verstehen, dass einem da die Worte fehlen, ich wĂŒsste auch nicht was ich dazu sagen sollte. Ich fand es nur wichtig, der Kampagne auch meinen Namen und meine Geschichten zu geben, damit es in Zukunft weniger wird. Und um auch der Welt zu zeigen, wir sind viele, sehr viele die mit solchen Situationen umgehen mĂŒssen, leider. Ich hoffe auch, dass dir und anderen das erspart bleibt. <3

      Sonnige GrĂŒsse aus ZĂŒrich!

      Paula

  3. Liebe Paula!
    Als ich etwa zehn Jahre alt war und meinen HausschlĂŒssel verloren hatte, lief ich durch die Straßen unserer Stadt und wurde von einem Mann ziemlich eindeutig angesprochen, ob ich mir nicht etwas Geld dazu verdienen möchte.
    Ich floh zu einer Freundin.
    Als Jugendliche lief ich spÀt abends nach Hause.
    Ein Fremder, dunkel gekleideter Mann joggte vorbei und fasste mir an die Brust.
    Mein Gesicht brannte vor Scham, obwohl ich nichts falsch gemacht hatte.
    Ein Mal strich mir wĂ€hrend einer Zugfahrt immer wieder ein Mann ĂŒbers Bein.
    Es war mir furchtbar unangenehm, aber ich schaffte es nicht mich zu wehren oder auf mich aufmerksam zu machen.
    Ich dachte, man wĂŒrde mir sowieso keinen Glauben schenken.
    Als ich Bulimie hatte, meinte die Therapeutin, ich wĂŒrde mich eventuell vor meiner Weiblichkeit und was diese bei den MĂ€nnern auslöst schĂŒtzen wollen.
    Manchmal glaube ich, mein heutiges Übergewicht ist es eher.
    So kommt mir keiner zu nahe und ich bin kein Opfer mehr.

    1. Paula Deme says:

      Liebe Aletheia!

      Ich hoffe du weisst, es ist nicht deine Schuld, was dir zugestossen ist. Es ist auch egal wie du aussiehst. Die Wut sollte sich nicht gegen dich richten, sondern gegen die Menschen die dir das angetan haben. Es ist so schrecklich, das lesen zu mĂŒssen.

      Ich hoffe du findest einen Weg dir zu verzeihen und einen gesunden Umgang mit dir selber <3

      FĂŒhl dich umarmt,

      Paula

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