14.07.1997

1997

20 Jahre ist das nun her, ich war 13 Jahre alt. Es sollte das Jahr werden, an dem sich mein Leben grundlegend veränderte. Wie bei vielen Jugendlichen, sagen die einen. Ja, das mag sein. Für mich änderte sich aber alles und mehr. Nicht nur, dass meine Eltern sich scheiden liessen, was wirklich an der Zeit war. Ich verlor auch meinen Glauben. Denn ich verlor einen Freund. Alex. Es sollte einer von vielen werden, wie die nachfolgenden Jahre zeigten.

Am 14.07.1997 ertrank er in einem Bach. Die Strömung war durch heftige Regenfälle sehr stark und der sonst harmlose Bach wurde zu einem gefährlichen Fluss. Später werde ich nach Deutschland fliegen um ihn am Samstag am Grab zu besuchen. Ich reiste, bis auf zwei oder drei Jahre, jedes Jahr nach Schönberg, in Franken, an seinem Jahrestag. Manchmal, auch so, wenn ich in der Nähe bin. Denn obwohl wir uns nicht sonderlich gut kannten, hatte er mein Leben doch mit geprägt. Mit seinem Zwillingsbruder verbindet mich auch sehr viel. Schliesslich war er, mein erster richtiger Freund, mit allem drum und dran, ihr wisst schon. Wir kamen nach Alex Tod zusammen..und haben heute noch Kontakt. Er ist verheiratet und hat zwei wunderschöne Töchter, die ich morgen kennenlernen werde.

Ich kam mit dem Leben nicht klar

1997, war für mich ein sehr schwieriges Jahr. Als meine Eltern sich haben Scheiden lassen, fing der Terror bei uns Zuhause noch mal richtig an. Ich kam in der Schule nicht klar, ich kam mit dem Leben nicht klar. Es war niemand da der mich verstand, der mich in den Arm nahm und mir sagte, dass alles gut werden würde. Als Alex starb und ich von Weinkrämpfen durchgeschüttelt wurde, sagte meine Mutter zu mir: “Stell dich nicht so an, wir werden alle eines Tages sterben!” Ich habe sie gehasst, ich habe sich einfach aus tiefstem Herzen gehasst für diese Aussage. Und für vieles andere auch, aber das tut hier nichts zur Sache. Eines Abends, sass ich am Fenster in unserem Zimmer und wünschte mir, dass alles vorbei sein würde. Dass ich eine alte Frau wäre und das ganze Leben sich dem Ende neigen würde. Bitte!

 

Ich verlor meinen Glauben an Gott

Mit 13 Jahren verlor ich meinen Glauben an Gott. Ich, die jeden Tag mindestens einmal gebetet hatte mit meiner Patin.Ich, die jeden Sonntag in den ersten Lebensjahren in der Kirche war oder auf einigen Pilgerfahrten zu Heiligen Quellen mit meinen Pateneltern. Ich, die Halt und Hoffnung fand im Gebet, als ich Angst hatte. Und die hatte ich oft. Als meine Eltern mich mal wieder schlugen, vernachlässigten, als man mich in der Schule mobbte. Ich, das Flüchtlingskind. Ich, die Aussenseiterin, die jedes Jahr auf einer neuen Schule war bis zur fünften Klasse. Gott, war immer jemand der bei mir war. Der mich nie im Stich liess. Gott war meine Garantie, dass alles gut werden würde, ich müsste nur vertrauen. Eines Tages würde Gott schon für Gerechtigkeit sorgen. Doch ja ,was hatte Alex Gott getan, dass er ihn so früh von uns nahm? Er hatte eine liebevolle Familie, Geschwister, Freunde die ihn vermissten, die ihn liebten. Ich war das unerwünschte Kind, dass fast jeden Tag Prügel bezog zuhause, nur für meine Existenz. Mich würde niemand vermissen. Warum also er..und nicht ich?

 

Das Hochhaus

Eines Abends schlich ich mich ins Hochhaus, dass gleich bei uns nebenan war. Ich fuhr hoch in den höchsten Stock und stieg auf die Balustrade. Ich sah nach unten. Es würde schnell gehen. Ich fing an zu weinen, zu zittern. Ich dachte an alle meine Träume und Wünsche. Wenn ich nun springe, ist das alles nicht mehr möglich. Wenn ich nun springe, wäre dieser Alptraum aber auch vorbei. So oder so ähnlich waren meine Gedankengänge. Und dann dachte ich an Alex. Dachte daran wie er nie wieder Fussball spielen würde. Oder im Freibad sein. Oder einfach erwachsen werden. Er, er würde noch weiter leben wollen, hätte er die Wahl gehabt. Mit seinen Freunden lachen, eine Ausbildung machen, das eigene Geld verdienen. Ausziehen, Kinder bekommen, die Welt sehen. All das blieb ihm verwehrt. Während ich da oben sass, bereit zum Absprung. Bereit mein Leben einfach so weg zu werfen.

 

Noch nichts erlebt im Leben

Ich starrte ziemlich lange runter. Ins leere. In die dunkle Nacht. Worin lag der Sinn nun zu springen? Nur um der Hölle zu entkommen, in der ich mich befand? Würde, das aber nicht irgendwann aufhören? Ich könnte ausziehen, Hilfe holen, einfach alle Hebel in Bewegung setzten.Was ja dann darauf auch passierte. Ich hatte noch nichts erlebt. Noch nichts gross gesehen vom Leben geschweige denn von der Welt…

Ich trug ihn, in meinem Herzen überall mit mir hin. Überall wo ich war, alles was ich erlebte. Er war immer mit dabei. Meine Gedanken waren bei ihm. Trieben mich an, wenn ich wieder aufgeben wollte. Es ist schon ironisch, dass während ich diesen Text schreibe, es angefangen hat zu Gewittern, zu Blitzen und zu donnern. Wie damals. Damals als er von uns ging. Als Anna von Freundeskreis noch aus den Radios ertönte und wir das Internet langsam kennenlernten. Es scheint alles so weit weg, so lange her und doch erst gestern passiert  zu sein. Der Schmerz verschwand nie wirklich ganz.

Keine Garantie für Morgen

Und auch wenn mir seit dem, schon ein paar mal wieder nach aufgeben war…habe ich immer im Hinterkopf: Älter werden, ist ein Privileg. Es gibt keine Garantie für ein Morgen. Für niemanden. Wir müssen jeden Tag bewusst geniessen, sagen was wir zu sagen haben. Heute. Nicht morgen. Dankbar sein für das Wunder Namens Leben. Egal wie hart es manchmal wird. Dankbar sein für unsere Gesundheit. Für unsere Freunde, für unsere Familie. Für den Frieden in dem wir leben. So schnell wird alles selbstverständlich. So schnell, motzen wir rum an belanglosen, vergeuden unsere Zeit mit Menschen die uns nicht gut tun. Wir benehmen uns teilweise als hätten wir alle Zeit der Welt, als würde noch ein zweites Leben auf uns irgendwo warten. Doch die Zeit…sie rinnt uns unerbittlich durch die Finger.

 

5 Antworten auf „14.07.1997“

  1. So traurig das Thema auch ist, für mich einer der schönsten Artikel, die ich bisher von dir gelesen habe.
    Hat sich denn in den 20 Jahren dein Glaube oder deine Einstellung zum Glauben nochmal verändert?

    1. Danke dir! Er ist eben nicht so trotzig und frech und anklagend, wie die anderen 😉

      Nein, ich habe nie wieder einen Weg zurück zu Gott gefunden, ganz im Gegenteil. Ich bin nun vollkommen überzeugt, frei nach Nietzsche: “Gott ist tot” bzw…für mich nicht existent. Ich stehe nun Felsenfest mit der Wissenschaft. Wenn ich mich aber religiös zuordnen müsste, wäre es der Buddhismus.

      Ich war aber, als ich in Italien und sonst auf Reisen war oft in Kirchen, auch in gedenken an meine Patin, die sehr religiös war. Es gibt da noch ein altes Seidentuch, das ich von ihr habe, das war mein Lieblingstuch von ihr, seit dem ich klein war, das habe ich dann immer mit dabei. Aber eben..es ändert nichts. Selbst, als ich in Rom war oder in Krakau…das religiöse der Menschen dort hat mich nicht berührt, wie einst.

  2. Alles was du beschreibst kenne ich sehr gut aus eigener Erfahrung. Allerdings war ich 14 und wurde zuhause (ein Ort des Grauens) nicht akzeptiert. Ich habe mich ebenfalls für das Leben entschieden. Den Kontakt mit meiner Familie habe ich aus Gründen des Selbstschutzes abgebrochen. Viele verstehen das nicht. Das Traurige ist dass meine Mutter sich als das Opfer darstellt…. Mein grösster Wunsch ist, im Alter von ü50: einfach mal frei sein zu dürfen! Frei von Unsicherheit, Scham und Ängsten nicht zu genügen.
    Ich wünsche dir von Herzen noch viele schöne und bereichernde Lebensmomente!

    1. Liebe Marta

      Danke für deine offenen Worte. Ja, das ist das enzige was man noch tun kann. Den Kontakt abbrechen um sich selber zu schützen.

      Merci vielmals, das wünsche ich dir auch <3

  3. Ein sehr trauriger Thread und wieder fühle ich mit Dir mit.
    Mein Krisenjahr war 1992. Damals realisierte ich zum erstenmal, dass ich mit mir eine schwere Last trage… .
    Aber das war nicht alles, meine Mutter nahm mich mit zu einer türkischen Bank, wo sie ihrem damaligen Freund zehntausend DM überwies. Ich konnte sie nicht davon abhalten. Das Spiel sollte sich einige Zeit darauf wiederholen. (AMIGA-Syndrom und Bezness sind da Stichworte). Und das von dem Geld, das übrig blieb, nach sich meine Eltern im gleichen Jahr scheiden ließen.
    Damals wollte ich bei keinem von beiden bleiben, aber ich wurde vor Gericht von allen Seiten bedrängt und gedrängt, bei meiner Mutter zu bleiben. Und wieder einmal gab’ ich auf und fühlte mich schuldig.
    Dann starb meine Großmutter mütterlicherseits und ich weinte um sie. Nur um Jahre später zu erfahren, dass sie mich nie geliebt hatte und meine Cousins (Jungs halt) immer den Vorzug gegeben hatte. Und das, obwohl ich sie immer tröstete, wenn sie weinte. (Sie weinte nur, weil ich ein Mädchen war und sie ihrer ältesten Tochter einen Stammhalter gewünscht hatte, der als Arzt oder Jurist später die ganze Sippe ernähren sollte.)
    In der Schule wurde ich gemobbt und ich bekam einen jüngeren Bruder, der mich seitdem begleitet: Meine Depression.

    Fühl’ Dich gedrückt,
    D.

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