Liebe Oma!

Wie ich erfahren durfte, von meinem Onkel, bist du am 26.April von uns gegangen. Weg, warst du aber durch Alzheimer schon lange. Ich h├Ątte dich noch gern so viel gefragt, es w├Ąre noch so viel zu sagen gewesen. Aber wie immer, h├Ąttest du auch keine Antworten geliefert. Die Nachricht deines Todes liess mich kalt.

Ich, als erwachsene Person mochte dich nicht. Doch dann fand ich dieses Lied und Erinnerungen an die Kindheit mit dir kamen hoch.  Erst eine, dann eine weitere..bis gestern eine ganze Flut auf mich hereinbrach. Ausgerechnet an Muttertag. Welch ein Zufall.

Du und ich, als ich noch j├╝nger war

Als ich noch klein war und wir noch in Rum├Ąnien gewohnt haben, da habe ich dich irgendwie durch andere Augen gesehen. Du warst die Oma, die herrliche, wirklich bombastische Torten gebacken hatte, wie eine richtige Konditorin. Dabei warst du N├Ąherin. Ich war oft bei dir in der Arbeit mit dabei, es war immer ein Heidenspass.  Weist du noch, als deine Arbeitsstelle in der N├Ąhe vom Markt war? Auch gestrickt hast du gern. Wie deine Augen leuchteten, als ich mit 9 Jahren mit dir stricken konnte.

Dass du mich deswegen vom spielen mit Gleichaltrigen abgehalten hattest, dar├╝ber habe ich hinweg gesehen. Zumindest ein wenig. Ich wusste n├Ąmlich genau, warum du mich nicht rausgehen lassen wolltest. Es ging nicht nur um die Zeit mit mir, oder das stricken.  Ich spielte gern mit Zigeunern. Allgemein mit jedem. Das war mir damals schon egal. Oft hast du deswegen geschimpft. Dir war das nicht egal. Auch der Nachbars Junge, Christian gefiel dir nicht, er war aber trotzdem meine Sandkasten Liebe. Meine Mutter verstand sich n├Ąmlich gut mit seiner Mama, Rodica.

Und so waren wir auch oft draussen vor dem Block, w├Ąhrend Mama dich besuchte. Du hattest es auch in sp├Ąten Jahren, bei meinem letzen Besuch nicht geschafft mich von ihm fernzuhalten und umgekehrt. Auch, wenn du und dein Sohn, mein Onkel es immer wieder versuchten. Geheiratet habe ich ihn aber trotzdem nicht. Er hat nun eine s├╝sse Tochter und wohnt in Barcelona mit dem Rest der Familie. Ich sch├Ątze ich sollte sie bald mal besuchen. Auch, um ├╝ber dich zu sprechen. Schliesslich kannten sie dich gute 30 Jahre oder l├Ąnger. Ich habe das Gef├╝hl, ich werde noch viel erfahren ├╝ber dich.

Fr├╝her bei deiner Mutter, meiner Urgrossmutter

Wir waren auch oft bei deiner Mutter, bei meiner Urgrossmutter, zumindest kommt es mir so vor. Ich habe noch so viele, sehr lebendige Erinnerungen daran, obwohl ich damals h├Âchstens 4-5 Jahre alt war, oder j├╝nger. Das Gem├╝se, dass ich immer mampfte im Garten und die Allergien, die ich darauf hin bekam. Die Schweine die mich verfolgten, weil ich auf den Mirabellen Baum wollte, der bei ihnen im Gehege wuchs, oder der Hund der mich biss, weil ich ihn streichelte als er am fressen war.

Das Brot, das morgens duftete, weil sie im es im Ofen draussen backte, das frische Wasser aus dem Brunnen oder wie ich euch immer vor dem schlafen gehen vorgetanzt habe. Ja, ihr lieben..mein Einschlaf Ritual war wirklich so. Ich tanzte. Zwar nicht bei meinen Eltern, oder ich erinnere mich nicht mehr daran. Meine Urgrossmutter war ausserdem auch Erzieherin =)

Grosse Familienfeiern und andere Dramen

Ich erinnere mich an grosse Familienfeiern und das Drama in dem es immer endete. Ob ich nun am Schnapsbecher sippte und ins Spital musste als Kleinkind, oder w├╝ste Streitereien, bis hin zu Handgreiflichkeiten. Denn der Alk floss immer in reichlich, wie es sich in Rum├Ąnien an Feiern geh├Ârt. Auch meine Taufe, eine Riesen Sause, alle waren da und hielten mich im Arm, jeder einzelne f├╝r ein Bild. Ich habe Bilder gesehen. Wir sahen alle so gl├╝cklich aus. Eine grosse, gl├╝ckliche Familie die sich auf mich gefreut hatte und ein riesen Fest schmiss. Mit Band. Wirklich. Unglaublich. Das ist da so ├╝blich. Die Kulisse, das Bild nach aussen war perfekt.

Wie sehr es hinter den Kulissen brodelte, das erfuhr ich erst nach und nach, auch am eigenen Leib. Wie unerw├╝nscht ich war, so unerw├╝nscht wie meine Mutter, als du sie mit 16 bekamst, so wie deine Mutter dich mit 16 bekam. Immer hin, meine Mutter gebar mich erst mit 20 oder 21. In deiner Wohnung fanden viele Dramen statt, vom Anfang bis zum Schluss, bis zum bitteren Ende.

Ich bin so zwiegespalten – und frage mich: Was zum Teufel ist mit euch allen nur passiert?

Alles in allem, wurde mir die Tage bewusst, wie sehr ich diese Zeit vermisse, in der ich dachte es sei alles in Ordnung. Als ich noch tanzte vor dem schlafen gehen, reiste mit meinen Paten, ans Meer fuhr mit meinen Eltern und wir dort auf den Jahrmarkt gingen oder aufs Tretboot. Ja, meine Erinnerung, reicht so weit zur├╝ck. Es sind vereinzelte Bilder, doch die sind ziemlich klar.

Streit und Drama gibt es in jeder Familie, doch das dann bei uns passierte, ging ├╝ber alle Grenzen hinaus.  Was zum Teufel ist passiert? Was hat dich zu dem gemacht, was du am Ende warst? Eine verbitterte grantige Frau, die jeden und alles gehasst hat? Eine Frau die nur aufs Geld fixiert war. Warst du schon immer so? Und was ist mit dir passiert, dass du meine Mutter so schlecht behandelt hast, als sie noch ein Kind war? War es, weil sie ein „Bastard“ war und du den Vater des Kindes nicht geheiratet hast, aus welchen Gr├╝nden auch immer? Ich weiss es nicht, du hast dich dazu nie ge├Ąussert.

Ich habe dich als Kind nie b├Âse erlebt. Du warst mit meinen Paten immer mein Anker, damals. Auch, als mich mein Vater nach Rum├Ąnien verschleppte und mich wie ein Feigling als erstes zu dir nach oben schickte, weil er sich nicht traute zu klingeln. Damals war meine Mutter mit meinen Geschwistern zu dir gefl├╝chtet, weil er sie mal wieder geschlagen hatte und nicht arbeiten wollte. Mich hatte sie da gelassen. Wegen der Schule. Mit einem Alkoholiker, der mich N├Ąchtelang alleine liess.  Aber als ich dann aber da war, gab man mich auf ein Deutsch – Rum├Ąnisches Lyzeum und wie du dich erinnerst, blieb ich ja dann auch ein Jahr dort, bei meinen Paten.

Ruhe in Frieden

Ich hoffe, da wo du nun bist, dass du Frieden gefunden hast. Obwohl ich dich als erwachsene nicht leiden konnte, wegen deiner hysterischen und herrischen Art und weil du mich in der Stadt das letze mal wirklich geohrfeigt hast und alle meine Bewegungen kontrolliert hast…├ťberwiegen irgendwie die Erinnerungen, die guten, von mir, dem kleinen M├Ądchen an dich. Andalusa statt Andrea hast du mich immer genannt. Ich vermisse das sehr.

 

Pic- Symbolbild, Pixabay

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5 Kommentare

  1. Steffi

    Liebe Paula,

    ich wollte eigentlich schon deinen Beitrag zum Thema Eltern und Kontaktabbruch kommentieren und Dir f├╝r Deinen Mut und Deine Offenheit zu diesem Thema danken.
    Ich kann so gut verstehen, was Du oben beschrieben hast, auch wenn meine Oma schon l├Ąnger gestorben ist und ich bis heute nicht richtig wei├č, was ich ├╝ber sie denken soll, denn meine Mutter ist kalt, emotionslos, hysterisch-kurz: sie ist eine Narzisstin. Und ich frage mich eben auch wie es dazu kommen konnte, dass meine Mutter so geworden ist und was zwischen ihr und meiner Oma gewesen ist. Meine Mutter hat uns Kinder als ihr Eigentum und ihre Sklaven angesehen und wenn ich es mir recht ├╝berlege, tut sie dies noch immer. Heute erwartet sie zusammen mit meinem Vater f├╝r dieses unm├Âgliche Verhalten mir gegen├╝ber Dankbarkeit, Liebe, Aufmerksamkeit und was wei├č ich noch alles von mir. Es war gestern der erste Muttertag, an dem ich mich nicht bei ihr gemeldet habe und daf├╝r musste ich erst 35 Jahre alt werden, um mich das zu „trauen“.
    Die Fragen, die Du oben stellst, sind auch so oft in meinem Kopf: “ Was zum Teufel ist los mit Euch allen?“ und vor allem „was wollt ihr zum Teufel noch von mir, nachdem ihr mich all die Jahre so behandelt habt?“
    Momentan stecke ich mitten in dem Chaos um Kontaktabbruch oder nicht. Ich wei├č noch nicht genau, wo die Reise hinf├╝hren wird, aber was ich sicher wei├č ist, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann f├╝r mich.

    Die Erkenntnis ohne jeden Familienanschluss dazustehen ist extrem hart. Am h├Ąrtesten war f├╝r mich vor ein paar Jahren, als meine Schwester begann zu leugnen, was alles passiert ist in unserer Kindheit und Jugend.
    So eine Familie braucht niemand, das kann ich mehr und mehr akzeptieren auch wenn es sehr schwer ist.

    Es tut sehr gut zu wissen, dass man diesen Kampf nicht alleine f├╝hrt und dass es Menschen gibt, die wissen und verstehen, was man durchmacht in dieser Situation.

    Paula, ich w├╝nsche Dir alles Gute und bewahre Dir Deinen Mut. Ich hoffe, ich werde auch irgendwann so mutig sein und komplett f├╝r mich einstehen k├Ânnen!

    Alles Liebe
    Steffi

    • Paula Deme

      Guten morgen Steffi!

      Danke f├╝r deinen Kommentar. Tut mir leid zu h├Âren und danke auch f├╝r deine lieben Worte. Man ist nie ohne Familienanschluss. Man sucht sich dann aber die, die zu einem passt. In Form von Freundschaften.

      Denn niemand hat es verdient sein Leben lang schlecht behandelt zu werden. Und gerade Eltern, sie sollten einem das Gef├╝hl geben, geliebt und angenommen zu werden und nicht das komplette Gegenteil.

      Ich w├╝nsche Dir auch viel, viel Kraft und dass Du einen Weg findest mit dem Du gl├╝cklich wirst. Denn auch Du hast verdient gl├╝cklich zu sein. <3

      Sonnige Gr├╝sse,

      Paula

  2. So vieles wird einem erst nach dem Tod der betreffenden Person klar. Mir ging es genauso nach dem Tod meiner Gro├čeltern. Ab einem gewissen Alter hatte auch ich Zwist mit meiner Oma, weil ich einfach nicht so war, wie sie mich gerne gehabt h├Ątte.
    Was mich am Verlust meiner Oma am meisten schmerzte, war nicht ihr Tod an sich, sondern die Erinnerung an so sch├Âne Zeiten, wie du sie beschrieben hast. Die Melancholie, die diese Erinnerungen begleitet, weil man noch den Beigeschmack des Menschen hat, der einen am Ende mit Worten und Taten verletzt hat.

    Liebe Gr├╝├če

  3. Hallo Paula, liebe Steffi,

    als gebranntes Kind habe ich mich auch gefragt, was einmal sein wird, wenn meine Mutter nicht mehr da ist. Ich ahne nichts Gutes, eben deshalb werde ich auch ein verschuldetes Erbe dankbar ausschlagen und froh sein, dass ich noch lebe.

    Ich lebe nun schon seit drei Jahren weg von meiner psychopathischen Mutter und nein, auch den Muttertag feiere ich auch nicht im Sinne der Dankbarheit gegen├╝ber dieser Frau.

    Ich werde lieber Christi Himmelfahrt zusammen mit meinem Vater und meinem v├Ąterlichen Freund einen wundersch├Ânen Vatertag verbringen, denn sie sind die Menschen, die mir Fl├╝gel verliehen.

    Hier noch ein gutes Video von Tom:

    https://www.youtube.com/watch?v=2h2vKQ8AwL4

  4. Und dieses Video finde ich auch nicht uninteressant.

    https://www.youtube.com/watch?v=UogDTMLeJbw

Mich interessiert deine Sichtweise zum Thema!

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