Kindheitsträume – Mein Leben ohne Kindheit

Die Termine mit dem WDR  und dem SRF rücken immer näher und ich habe mir die letzten Tage viele Gedanken gemacht über meine Kindheit. Viele Bilder und Emotionen wurden wieder sehr lebendig. Gute und weniger gute Erinnerungen kamen wieder ans Licht, Sachen die lange vergessen schienen. Darauf hin entdeckte ich einen ganz tollen Blog, der sich mit Kindheitsträumen beschäftigt. Und so fing ich an, über meine Träume als Kind zu sinnieren. Heute, möchte ich sie mit euch teilen, denn jeder Kindheitstraum ist anders. Ähneln sich Kindheitsträume? Was hattet ihr für Träume? Und sind sie in Erfüllung gegangen? Was für Träume haben Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen?

Ich habe kleine Kinder früher schon gern gehabt

Die ersten fünf Jahre waren wohl im vergleich zu dem was später folgte meine einzigen Jahre die unbeschwerter waren. Auch, ist das der Tatsache zu Verdanken, dass ich bis vier ein Einzelkind war und viel unterwegs war mit meinen Pateneltern. Auch trank mein Vater sich damals nicht in die Besinnungslosigkeit, da beider Familien auf beide ein Auge hatten. Schwierigkeiten in der Ehe und Gewalt gab es aber damals schon.

In der Kinderkrippe, ich mag mich noch gut erinnern, hatte ich am liebsten die ganz kleinen. Ich kümmerte mich um sie, trug sie rum, (bekam dafür auch oft Schimpfe) es gab, glaube ich auch mal Bilder davon. Ich bin mir aber nicht so 100% sicher, da ich selber absolut keine Bilder von mir als Kleinkind mehr habe. Mein Vater hatte sie vor Jahren alle zerrissen und weg geworfen. Warum, das weiss nur er selbst. Bis auf eins, dass mich in der Pioneer Uniform zeigt, das aber bei meiner Mutter ist. Ja, zu Zeiten Ceausescu trug man zu Feierlichkeiten Uniform. Als ich ein Jahr, mit 10 Jahren auf ein Deutsch – Rumänisches Lyzeum  ging, hatte ich auch eine chice Schuluniform, ich habe sie geliebt. Es war ein Blau-weisses Kleidchen mit kitschigen Kragen und Rüschchen. Siehe Bild weiter unten.

Menschen helfen vs. Lernen mit Hindernissen

Für mich stand von Anfang an klar, ich wollte mit Kindern arbeiten, oder Ärztin werden. Auf jeden Fall den Menschen helfen. Und ja, da bin ich nun mit 33 Jahren, arbeite mit Kindern und helfe Menschen. Um Ärztin zu werden, da hat es mir einfach an Zeit und Raum gefehlt zu lernen. Und meine Eltern wollten mich nicht weiterhin ins Gymnasium gehen lassen, als sie mich zurück nach Deutschland holten, da es zu weit von zu Hause weg war. Die Noten dazu hatte ich gehabt. Danke nochmal an dieser Stelle! Aber ihr wolltet ja nur das Beste – für euch 😉

Aber ich hätte es wahrscheinlich eh nicht geschafft bis zum Abitur. Denn, wie soll man zuhause lernen, wenn sich die Eltern jeden Tag streiten und gegenseitig schlagen? Und, wenn sie sich nicht gegenseitig an die Gurgel gingen, so hatten wir Kinder herhalten, mit Vorliebe ich, war ich ja vier und fünf Jahre älter als meine Brüder. Kurz vor meinen Abschluss bekam ich von meiner Mutter richtig fies Prügel, wurde zu Hause eingesperrt und regelmässig im Militärdrill abgefragt, da meine Noten nicht gut waren. Ja nu, woher das kam? Weil ich faul war natürlich, was denn auch sonst? Einen Zusammenhang zwischen ständiger Kritik, ständigem Lärmpegel, Gewalt zu Hause und Angst konnte natürlich unmöglich etwas mit meiner Lernleistung zu tun haben.

Ein paar Jahre später konnte ich als Operator 1.5 Jahre am Wochenende, hinter die Kulissen eines Schweizer Notfalldienstes schauen, viel dazulernen und so meinen Durst nach Wissen in diesem Gebiet stillen. Ich koordinierte dort in Absprache mit den Ärzten die Einsätze und nahm Patientedaten entgegen. Und irgendwie bin ich froh keine Ärztin geworden zu sein, als Kind sah das wesentlich einfacher aus.

Ein eigenes Zimmer

Ich hatte als Kind sehr bescheiden Träume, wie ich gerade feststelle. Einer davon war, ein eigenes Zimmer zu haben. Mit 6 Jahren, wir lebten noch im Flüchtlingsheim, spielte ich immer hinter einem langen dunklen Vorhang und stellte mir vor, das sei mein persönlicher kleiner Raum, nur für mich. Wir lebten schliesslich in Rumänien zu fünft in zwei Zimmern und als wir nach Deutschland kamen, als Asylbewerber hatten wir für uns alle nur ein Zimmer, zur Verfügung. Dusche und Toilette standen auf dem Flur für alle Bewohner der Etage bereit.

Auch später, konnte ich von einem eigenen Zimmer nur träumen, da mein Vater das Geld versoff und das Gehalt meiner Mutter hinten und vorne nicht reichte für eine grosse Wohnung. Auch taten sich viele Vermieter schwer mit einer Familie mit 3. Kindern. Um so glücklicher war ich, als ich mit 17 Jahren meine eigene kleine 1. Zimmer Wohnung beziehen konnte. Später, hatte ich dann eine eigene zwei Zimmer Wohnung, doch konnte ich mit dem zweiten Raum so gut wie nichts anfangen, da ich es ja auch nicht anders kannte. Das wurde meist genutzten für Gäste. Ein WG Leben ist dadurch das optimale Wohnen für mich. Viel Raum, den man teilt, oder für Gäste, aber auch ein eigenes Zimmer für den Rückzug ohne eine ganze Wohnung zahlen zu müssen die dann zur Hälfte nicht bewohnt wird.

 

 

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Ja, früher war ich verliebt in meine Schulunifrom…heute finde ich sie sehr kitschig. Meine Vorliebe für die Farbe Blau und für Kleider ist aber geblieben.

Kleidung, die mir gefällt

Ja, für einige Frauen das Optimum schlechthin, für mich war es ein Kindheitstraum. Wenn man aufwächst mit Klamotten aus dem Aldi und vom Caritas, die manchmal alles andere als hübsch sind, und man deswegen gemobbt und verprügelt wir in der Schule, kann das ein sehr grosser Wunsch sein.

 

Heute platzt mein Kleiderschrank aus allen Nähten und auch im Estrich hat es noch Kartons mit Klamotten. Erst in den letzen 2. Jahren habe ich mich überwinden können mich von einigen Sachen zu trennen und habe auch viel gespendet. Meine Kauflust hat auch nachgelassen, da es extrem Mühsam ist beim Umziehen alle Kartons mitzuschleifen und auch Ballast bedeutet. Man zieht ja eh nicht immer alles an, kennt ihr sicher!  Wenn man bedenkt, dass ich vor 10 Jahren, am 1. April 2007 nur mit einem grossen Koffer in die Schweiz kam und all mein Hab und Gut in Deutschland verschenkte, verkaufte und spendete ist das beachtlich. Materielles ist mir zwar wichtig, da es in meiner Kindheit an allem mangelte aber ich hänge nicht unbedingt dran.

 

 

Bücher und leckeres Essen

Als ich grösser wurde, aber auch bereits in der zweiten / dritten Klasse verbrachte ich meine Zeit gern in Bibliotheken. Ich habe mir immer gewünscht, eines Tages so viel Geld zu haben, dass ich mir jedes Buch kaufen kann das ich möchte. Ich habe davon geträumt, als alte Frau ein Zimmer voll mit Büchern bis zur Decke hoch zu besitzen. Wenn ich so weiter mache, erreiche ich das Ziel locker bis dahin. Anstrengend ist dieses Hobby nur beim umziehen, deswegen engagierte ich das letze mal auch ein professionelles Umzugs Unternehmen, grossen Dank nochmal! Sie taten mir echt leid, ich wohne nun im dritten Stock ohne Lift.

Gleiches gilt für Essen jeglicher Art. Ja, wenn eine Frau alleine drei Kinder später hat, kann man sich auch nicht alles leisten und muss oft verzichten. Ich bin aber froh, mussten meine Eltern nie auf ihre täglichen Päckchen Zigaretten verzichten oder mein Vater auf seinen tägliche Alkohol.

Ruhe im Herzen und keine Angst

Ich glaube aber der grösste Wunsch den ich hatte, war endlich Ruhe im Herzen zu haben. Man muss sich das so vorstellen: Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr als Erwachsener in der Arbeit richtig und ich meine so RICHTIG Mist gebaut habt und auf den anschiss des cholerischen Chefs wartet oder gar deswegen die Kündigung befürchtet? So fühlte sich meine gesamte Kindheit an. Nur hatte ich meist nix angestellt. Sicher, das änderte sich in der Pubertät, aber dann wusste ich auch warum es knallt.

Immer in Alarmbereitschaft, dass es jeden Augenblick knallen könnte. Immer darauf bedacht nichts falsches zu sagen, ruhig zu sein, weil ich sonst wieder geschlagen, kritisiert oder angeschrien wurde. Sicher gab es auch andere Tage, ruhigere Tage, aber nie einen Tag ohne Geschrei oder Beleidigungen und Erniedrigungen.

Welchen Frieden ich empfand als ich ein Jahr zu meinen Paten kam um dort auf das Lyzeum zu gehen, hat mich erstaunt, doch erst nach ein paar Monaten.  Meine Eltern wollten sich in dieser Zeit endlich am Riemen reissen und ihr Leben in den Griff bekommen. Meine Geschwister waren bei meiner Oma untergekommen. Zu meinen Brüder gab es zwar Kontakt aber durch die Erziehung gab es nie so etwas nahes unter Geschwistern wie in anderen Familien. Ich fühlte mich abgeschoben in dieser Zeit, als sei ich das schlimme Kind das unerwünscht ist. Als wollte man uns los werden für immer. Wir wussten ja nicht wann sie wiederkommen würden.

Mit der Zeit erkannte ich aber den Segen darin. Es war wie ein schlimmer Migräneanfall,der über Wochen anhielt und nun endlich zu Ende ging, eine Erleichterung, der Körper, der sich endlich mal entspannte. Eine Befreiung von Angst, ständiger Kritik und Gewalt. Als ich zu meinen Paten kam 1994, konnte man kaum mit mir ein normales Wort reden ohne dass ich in Tränen ausbrach. Auch sprach ich in der Zeit kaum und zog mich vollkommen in mich selber zurück.

 

„Wir ziehen uns in uns selber zurück. Weiter zurück geht es nicht.“
André Brie

Meine Paten waren sehr sehr liebe fürsorgliche Menschen. Ich war glücklich. Ich hatte eine endlich eine Kindheit. Bis zu dem Tag, an dem meine Eltern beschlossen es sei besser zu ihnen zurück zu kommen. Ab diesem Tag begann meine innerliche Rebellion…Dieses Jahr bei meinen Pateneltern hatte mir genug Kraft gegen um innerlich nicht unterzugehen. Sie bauten mich wieder auf mit ihrer Liebe, mit ihrer Fürsorge und einfach nur in dem sie da waren. Mich in den Arm nahmen, sich um mich kümmerten, wie es normale Eltern mit ihren Kindern tun.

Wie ein kleines Häufchen Elend kam ich dort an und verliess ihr Haus mit erhobenen Haupt und voller Ablehnung für meine Eltern. Der Widerstand in mir wurde immer grösser, ich musste da weg. Unbedingt. Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich lieber bei meinen Paten geblieben, aber ich durfte nicht mitbestimmen.

So wuchs die Ablehnung gegen meine Eltern von Tag zu Tag immer mehr. Ja, ich war erst 11 Jahre alt, doch im Kopf leider schon viel weiter. Sechs Jahre hatte es gedauert bis ich da weg kam. Mit 13 Jahren äusserte ich meinen Wunsch ins Heim zu kommen, meine Mutter weigerte sich mich weg zugeben. “Was sollen denn die andern denken?” wechselte sich zwar immer ab mit “Eine andere Mutter hätte dich schon lange ins Heim gegeben!” passiert ist aber leider nichts.  Mit 14 /15 Jahren schaltete ich das Jugendamt ein mit 17 zog ich endlich aus. Ab da begann meine eigentliche Reise ins Leben…auf zu neuen Träumen.

 

To be continued…

 

Wenn du dich auch zum Thema äussern möchtest oder dir in diese Richtung etwas von der Seele schreiben möchtest, kannst du mir gerne deinen Beitrag, auch anonym zuschicken. Ich werde ihn dann hier veröffentlichen unter “Gastautoren” 

 

 

Bild: Pixabay